Politik : Grojs

Groys

Bernhard Schulz

Im Grunde bedurfte es nur dieses einen Buchtitels, um Widerspruch zu erregen – und in die Geschichtsbücher einzugehen. „Gesamtkunstwerk Stalin“ überschrieb Boris Groys 1988 seine Darstellung der Kultur der Stalin-Ära, die zwischen 1929 und 1953 immerhin ein Vierteljahrhundert umfasste, aber noch Jahrzehnte länger fortwirkte. Darin entwickelt Groys seine These, dass die Kultur der Stalin-Zeit als frühes Beispiel von Massenkultur zu betrachten sei, allerdings im Gegensatz zur amerikanischen Massenkultur als eine ohne kommerziellen Impuls. Stalin gab 1936 als Losung aus, „Das Leben ist besser geworden, das Leben ist fröhlicher geworden.“ Doch die Künste sprachen vom „besseren Leben“; umso mehr, je schlimmer die Realität war. Die Stalin-Kultur – so Groys – habe sich in ihrer Form dem Geschmack der Massen angedient, sei in ihrem Inhalt aber vollkommen ideologisch und auf die jeweils von Stalin gemachten Vorgaben ausgerichtet gewesen. Da sie nicht etwa die Wirklichkeit schildern, sondern die kommunistische Zukunft vorwegnehmen, nicht die Massen in ihren gegenwärtigen Bedürfnissen befriedigen, sondern sie zu den erhofften „neuen Menschen“ umerziehen sollte, sei sie der vorangehenden frühsowjetischen Avantgarde im Innersten verwandt.

Es ist diese These einer untergründigen Verwandtschaft von Avantgarde und Stalin-Kultur, die Groys heftige Kritik eingetragen hat. Derzeit hat der Ende der 80er-Jahre in den Westen übergesiedelte Philosoph mit Lehrstuhl in Karlsruhe Gelegenheit, seine Thesen in einer opulenten Ausstellung anschaulich zu machen: In der Frankfurter Schirn ist die von ihm besorgte Ausstellung „Traumfabrik Kommunismus“ zu sehen, deren Titel nicht zufällig den Begriff der „Traumfabrik Hollywood“ abwandelt. Wie in den USA, so spielten auch zu Stalins Zeiten die massenmedial verbreiteten Bilder des Kinos die entscheidende Rolle.

Was die Künstler der Stalin-Zeit schufen, gleicht Filmszenen: Inszenierungen eines künftigen kommunistischen Paradieses. Mit der Frankfurter Ausstellung krönt Groys – überdies seit zwei Jahren Direktor der Wiener Akademie der Bildenden Künste – sein eigenes theoretisches Gesamtkunstwerk. „Die größte Faszination des Sozialistischen Realismus“, schreibt er im Frankfurter Katalog, „besteht eben darin, dass niemand ihn zum Zeitpunkt seiner Produktion gemocht hat.“ Ob Groys ihn mag, sei dahingestellt – aber fasziniert ist er von der Stalin’schen Massenkultur ohne Frage.

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