Grosny : Wir töten keine Frauen, wir lieben sie

Im Land der Gesetzlosen: Asne Seierstad hat sich auf Spurensuche des Terrors in Tschetschenien begeben.

Stefan Berkholz

Der Krieg? Was wollen Sie denn dort? Was haben Sie damit zu schaffen? Ist es wert, dafür sein Leben zu riskieren?“ So prasselten die Fragen junger Russen auf eine blonde 25-jährige Norwegerin ein, die es sich partout in den Kopf gesetzt hatte, direkt aus Tschetschenien zu berichten. Das war 1995. Damals tobte der sogenannte Erste Tschetschenische Krieg. Boris Jelzin hatte den Sturmangriff auf Grosny angeordnet, „illegal bewaffnete Gruppen“ sollten ausgeschaltet werden. Es wurde ein Fiasko für das russische Heer.

Die Journalistin Asne Seierstad verbrachte dann in brütender Hitze und unter Lebensgefahr Zeit mit den Betroffenen, sprach mit verzweifelten, verhetzten, agitierten Menschen, deckte die Kriegspropaganda auf, protokollierte die Stimmen Einzelner, ermittelte zwischen den Fronten. Guerillakämpfer kommen zu Wort, Mütter, Kinder, Soldaten, Befehlshaber. Die Reporterin stellt die widersprüchlichen Stimmen gegeneinander, gibt auch die eigene Ohnmacht zu. „Wieder einmal stand ich ratlos da und wusste nicht, was ich glauben sollte“, heißt es einmal, denn: „Alles in Tschetschenien hat zwei Erklärungen, eine russische und eine tschetschenische.“

Vielleicht ließ sie auch diese Ungewissheit zehn Jahre später wieder aufbrechen. Vor dem Krieg sind alle gleich, lautet Seierstads Einsicht, und ihr Augenmerk gilt fortan mehr als zuvor den Opfern. Sie will berichten, was der Krieg in den Seelen Unschuldiger anrichtet, was aus den Kindern Tschetscheniens geworden ist – eine Frage, der sich auch die in der vergangenen Woche ermordete Bürgerrechtlerin Natalja Estemirowa stellte.

Illegal geht Seierstad über die Grenze, lebt getarnt zwischen den trauernden Müttern und traumatisierten Kindern, wird herumgereicht, bricht das Schweigen. „Das Buch handelt von denen, die im Krieg verletzt wurden“, schreibt Seierstad, „die unter dem Krieg litten, die, ja, die erniedrigt worden sind“. Von Albträumen ist die Rede, von Folter, von Angst, Brutalität und einer jahrhundertealten Geschichte der Erniedrigung und Kränkung eines stolzen Volkes.

In diesem Inferno gründete eine kinderlose Frau ein Kinderheim, um den Waisen und Verwahrlosten eine neue Heimat zu geben, eine Hoffnung, neuen Mut. Als „Engel von Grosny“ wird sie bezeichnet, so entstand der Titel des Buchs. Doch die Frau verzweifelt schließlich fast an den traumatisierten Kindern, die ihr immer wieder einen Strich durch ihre Bemühungen machen, die klauen und ausreißen und gewalttätig sind.

Menschen, die Fragen stellen, leben gefährlich in Tschetschenien; und doch wollte Seierstad mehr wissen. Im April 2007 gelangte sie in offizieller Mission nach Grosny. Sie war eingeladen worden, an der Ernennungsfeier Ramsan Kadyrows zum Präsidenten teilzunehmen. Ramsan ist der Sohn des 2004 ermordeten Achmad Kadyrow. Der Sohn galt bis zur Ermordung des Vaters als persönliche Leibwache, er wich nie von seiner Seite. Nur am 9. Mai 2004 war der Sohn eigenartigerweise nicht in Tschetschenien in der Nähe seines Vaters. Er war in Moskau. Es wird gemunkelt, dass der russische Geheimdienst hinter der Ermordung des immer eigenmächtiger werdenden Präsidenten stand.

„Kaum hatte Ramsan seinen Vater verloren“, schreibt Seierstad, „wurde er zu Wladimir Putin beordert, und das vor laufender Kamera. Putin sprach mit zusammengebissenen Zähnen und versprach, die Banditen zu bestrafen, und gab danach Tschetschenien in die Obhut von Kadyrow Jr.“ Seit Anfang 2007 regiert Ramsan Kadyrow, ein bekennender Muslim und Despot, von Putins Gnaden. Auf der Ernennungsfeier glaubte die Reporterin noch Angst in Kadyrows Mimik erkennen zu können. Der Sohn ahnt, wie heiß der Stuhl ist, auf dem er Platz genommen hat. „Er sieht aus, als sitze er gegen seinen Willen da oben“, notiert Seierstad.

Einen Monat später, im Mai 2007, wird der Reporterin eine Audienz beim frisch aufgestellten Präsidenten gewährt. Sie beschreibt zunächst den verbarrikadierten Regierungssitz, erwähnt eine zehn Meter hohe Mauer, viele Wachtürme und Schützenpanzer dahinter, und entlarvt den damals 30-jährigen Kadyrow dann als Marionette auf Abruf.

Tschetschenien sei „der friedlichste Ort auf Erden“, behauptet Kadyrow zum Auftakt, er erwarte demnächst scharenweise Touristen in seinem Land. Und setzt dann hinzu: „Aber Russlands Feinde müssen mich fürchten.“

„Man wirft Ihnen vor“, sagt darauf die Reporterin, „wiederholt die Menschenrechte missachtet zu haben, sowohl jetzt wie während des Krieges …“ Kadyrow gibt sich verbindlich: „Bringen Sie mir eine Person, die auf mich zeigen und sagen kann, dass ich die Menschenrechte missachtet habe. Diesen Mann gibt es nicht!“ Doch vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag berichteten tschetschenische Zeugen „von Ihren privaten Gefängnissen und Folterkammern“, hakt die Reporterin nach. Gibt es nicht, sagt der Diktator. „Sie gehören zu denen, die man verdächtigt, am Tod von Anna Politkowskaja beteiligt gewesen zu sein“, bleibt Seierstad hartnäckig. Der Despot grinst zuerst, lacht dann dröhnend und entgegnet schließlich: „Wir töten keine Frauen, wir lieben sie!“ Heute wird Kadyrow beschuldigt, an der Ermordung Natalja Estemirowas, einer Freundin Politkowskajas, beteiligt gewesen zu sein, als Hintermann, Mitwisser oder Auftraggeber.

Als die norwegische Reporterin dann noch etwas über die fortschreitende Islamisierung wissen will, als sie nach der Rolle der Frau in der tschetschenischen Gesellschaft fragt und die offiziell ausgelobte Vielweiberei anspricht, beruft sich Kadyrow auf die Scharia. Und als sie auf die Ermordung des Vaters zu sprechen kommt und fragt, warum er eigentlich, der Sohn, ausgerechnet an diesem Tag nicht in Grosny gewesen sei, wird das Interview auf rüde Weise abgebrochen und für beendet erklärt.

Asne Seierstad hat ein aufregendes und bewegendes Buch verfasst, einen Report, der streckenweise wie ein Thriller zu lesen ist. Es sind ungeschminkte Innenansichten eines besetzten Landes. Hoffnung auf Veränderung lässt Seierstad kaum zu: „Nichts wird sich verändern“, schreibt sie gegen Ende resigniert. „Alles wird bleiben wie immer.“


– Åsne Seierstad: Der Engel von Grosny. Tschetschenien und seine Kinder. S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 409 Seiten, 21,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben