Großbritannien : Blairs Schatten über Browns Kabinett

Gordon Brown hat von seinem Vorgänger zwei schwere Hypotheken übernommen, den Krieg im Irak und illegale Parteispenden. Antworten werden vom jungen Außenminister David Miliband erwartet. Er ist jüdischer Abstammung und votierte einst, anders als Brown, gegen den Krieg.

Thomas Burmeister[dpa]
Gordon Brown
Das Kabinett Gordon Brown bei seiner ersten Sitzung.Foto: AFP

Gordon Brown war noch keine 24 Stunden im Amt, da holten ihn schon die Schatten seines Vorgängers in Form von zwei schlechten Nachrichten ein. Aus dem fernen Basra im Süden des Iraks kam die eine. Ganz aus der Nähe, von Scotland Yard, die andere. Beide Eilmeldungen machten nach Ansicht von Beobachtern deutlich, dass die von Brown beschworene große Zukunft der neuen Labour-Regierung nur möglich ist, wenn sie die Fesseln der Ära Blair abstreifen kann.

Bei einem Bombenanschlag im Irak, so die erste "Breaking News" der BBC, sind weitere drei britische Soldaten getötet worden. Die Zahl der insgesamt seit Beginn der Irak-Invasion im März 2003 umgekommenen Soldaten des Königreichs erhöhte sich damit zum Beginn der Brown-Ära auf 156.

Scotland Yard bestellte Blair noch einmal ein

Die zweite Meldung lenkte den Blick zurück auf einen Skandal, der die regierende Labour-Partei ebenfalls noch lange begleiten könnte: Tony Blair, so bestätigte die Polizei, ist kurz vor seinem Rücktritt als Premierminister ein drittes Mal von Scotland Yard zu mutmaßlichen illegalen Parteispenden vernommen worden.

Seit Monaten geht Scotland Yard dem Verdacht nach, dass der Labour-Wahlkampf 2005 maßgeblich mit getarnten Millionenspenden finanziert wurde. Die Regierungspartei soll sich dafür bei reichen Gönnern durch die Vergabe von Adelstiteln und Sitzen im renommierten Oberhaus des Parlaments bedankt haben.

Brown stimmte für Irak

"Da wird unsere Harriet Harman aber noch viel zu tun haben", sagte ein Labour-Hinterbänkler. Sie ist die neue zweite Parteivorsitzende unter Brown und damit zuständig dafür, die Finanzierung von Labour für künftige Wahlkämpfe unangreifbar zu machen - während Scotland Yard weiter ermittelt, was Labour noch manch peinliche Offenbarung bescheren könnte.

Schwerwiegender als die Aufarbeitung des so genannten "Geld für Ehre"-Skandal ist die Frage "Wie geht es weiter im Irak?". Antworten werden offenbar vor allem von dem jungen Hoffnungsträger der Partei erwartet, dem Außenminister David Miliband. Anders als Brown muss er sich nicht fragen lassen, warum er 2003 der Entscheidung Blairs zugestimmt hatte, tausende Soldaten für die US-geführte Invasion des Iraks abzukommandieren. Er saß damals noch nicht am Kabinettstisch.

Irak-Wende mit Miliband?

Jedoch gilt Miliband, der mit 41 Jahren einer der jüngsten Außenminister der britischen Geschichte ist, durch bekannt gewordene private Äußerungen als entschiedener Gegner des Irak-Krieges. Einige Kommentatoren sagten bereits eine "mit Miliband kommende Wende in der britischen Irak-Politik" voraus. Andere verwiesen darauf, dass Brown als überzeugter Atlantiker und Amerika-Freund gelte. Noch kurz vor seiner Amtsübernahme hatte er betont: "Wir haben Verpflichtungen gegenüber dem Irak und wir werden sie erfüllen."

Allerdings dürfte sich Brown nach Ansicht vieler im Regierungsviertel zunächst stärker auf Reformvorhaben im Inneren - vor allem in der Bildung, dem Gesundheitswesen und der Wirtschaft - konzentrieren, als auf die Außen- und Verteidigungspolitik. Miliband könnte deutlich mehr Handlungsspielraum haben, als seine Vorgängerin Margaret Beckett, die im Ruf stand, nur Blairs Sprachrohr zu sein.

Milibands Eltern flohen vor den Nazis auf die Insel

Weder in Washington noch in Tel Aviv ist bei der Analyse der Kabinettsliste von Brown übersehen worden, dass Miliband im letzten Sommer die verheerenden israelischen Angriffe auf die Hisbollah im Libanon kritisiert hatte, während Blair sie verteidigte.

Milibands jüdischer Hintergrund - seine Familie konnte noch rechtzeitig vor den Nazis aus Polen nach England fliehen - wird im Nahen Osten auf besonderes Interesse stoßen. "Dies macht es ihm leichter, Israel zu kritisieren, ohne Gefahr zu laufen als Antisemit verunglimpft zu werden", erklärte der BBC-Experte für internationale Politik, Paul Reynolds.

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