Großbritannien : "Das ist das Ende von New Labour"

Kein "Business as usual": Der britische Oppositionsführer Cameron will die erneute Wahlniederlage der Regierungspartei nutzen.

Markus Hesselmann[London]
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Der Konservative David Cameron will Gordon Brown das Fürchten lehren. -Foto: AFP

Gordon Brown tat alles, um einen Eindruck von „business as usual“ zu erwecken. Am Tag nach der Niederlage besuchte er ein Krankenhaus in London und ließ die wartenden Reporter erst einmal stehen. Die unausgesprochene Botschaft: Regierungen verlieren Nachwahlen, das ist nichts Besonderes, vor allem mitten in der Legislaturperiode. Doch das Ergebnis dieser Nachwahl um den Unterhaussitz des Bezirks Crewe/Nantwich, die nach dem Tod der 77-jährigen Labour-Abgeordneten Gwyneth Dunwoody notwendig geworden war, ist alles andere als normal und gibt Brown und der Labour-Partei Anlass zu großer Sorge. Zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten gewannen die Konservativen einen Parlamentssitz von Labour in einer Nachwahl. Und das in Nordengland, in einer Eisenbahnerstadt und traditionellen Labour-Hochburg.

„Das ist das Ende von New Labour“, sagte David Cameron, der Chef der Konservativen Partei. Während Brown in London seine Krankenhausvisite absolvierte, eilte Cameron nordwärts nach Crewe. Dort rief der 41-jährige Oppositionsführer forsch das Ende einer politischen Ära aus, die mit Tony Blairs Wahl zum Premier 1997 an der Spitze einer reformierten, in die politische Mitte gerückten Labour-Partei begonnen hatte. Tatsächlich zum Abschluss kommt Labours Regierungszeit mit dieser Niederlage natürlich nicht. Bis 2010 darf Brown warten, bis er die nächste Unterhauswahl ausrufen lassen muss. Doch nach zehn Jahren Blair und einem Jahr Brown scheint sich die Wechselstimmung bei den Wählern zugunsten Camerons und seiner Konservativen zu festigen.

„Durch diesen Sieg und die gewonnene London-Wahl haben wir erstmals die Situation, dass die Konservativen bei einer Unterhauswahl tatsächlich Favorit wären“, sagt der Wissenschaftler und Publizist Kieron O’Hara über das Comeback der Konservativen nach Jahren der Führungskämpfe, des Glaubwürdigkeitsverlusts und der innerparteilichen Krisen. Das Rezept für dieses Comeback hat O’Hara bereits vor drei Jahren in seinem Buch „After Blair. Conservatism Beyond Thatcher“ dargelegt und damit die Strategie Camerons vorweggenommen: Seit seiner Wahl Ende 2005 verpasst der junge Vorsitzende der Partei Margaret Thatchers ein neues Image – sozial, multikulturell, ökologisch –, ohne dabei die klassisch konservativen Werte wie Familie, Eigenverantwortung oder Zurückdrängung des Staats zu vernachlässigen.

Cameron sei noch nicht über den Berg, sagt O’Hara. „Viele sehen ihn immer noch als politisches Leichtgewicht.“ Und zwar auch in der alten, rechten Garde in der eigenen Partei. Außerdem hänge für die sonst traditionell im Süden starken Konservativen nun alles davon ab, ob sie auch dauerhaft außerhalb ihrer Hochburgen punkten können. Entsprechend vorsichtig klang denn auch Camerons weitere Einschätzung in seiner Rede in Crewe: „Eine Nachwahl und eine Unterhauswahl sind zwei verschiedene Dinge“, sagte Cameron. „Wir haben noch einen ganzen Berg Arbeit vor uns.“

Schließlich äußerte sich dann auch Brown in London. Der Premier äußerte Verständnis für die Sorgen der Bürger angesichts wirtschaftlicher Unsicherheit und steigender Preise. Der richtige Mann aber, um das Land aus der Krise zu führen, sei nur einer, er, Gordon Brown.

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