Großbritannien : Gordon Brown: Zum Davonlaufen

Großbritanniens Premierminister Gordon Brown will nicht aufgeben – trotz des Europawahl-Desasters seiner Labour-Partei. Oder genau deshalb.

Matthias Thibaut[London]
Brown Foto: dpa
Gordon Brown.Foto: dpa

Es ist heiß, Schweiß glänzt an Gordon Browns Schläfen, aber er will das Jackett nicht ausziehen. Nicht einmal hier, in Ost-London, wo er zu Parteihelfern spricht, zu Freunden, nach der desaströsen Europawahl schnell zusammengetrommelt, um vor Fernsehkameras Labours Solidarität zu demonstrieren. Nur im Hemd verlöre er wohl sogar hier staatsmännische Würde. Brown spricht von „Fairness und Vertrauen“, er drückt die Fingerspitzen beider Hände zusammen, macht dann eine große Bewegung mit den Armen, vielleicht machte das auch sein Vater so, der Pfarrer, den er immer wieder zitiert.

Ehrlichkeit hat er von ihm gelernt. Aufrichtigkeit und Sparsamkeit. Das presbyterianische Gewissen, den moralischen Kompass. „Was würden die Leute von uns denken, wenn wir sie jetzt in dieser Krise im Stich lassen und davonlaufen würden?“, sagt Gordon Brown, Premierminister Großbritanniens, der Mann, der selbst in der Krise ist. Nicht davonlaufen, das will Brown, nicht zurücktreten, sondern im Amt bleiben. „Wenn ich nicht der Meinung wäre, dass ich die richtige Person bin, dann würde ich nicht hier stehen“, sagt er.

„Gordon, was wir von den Wählern hören, ist, dass sie keinen neuen Premier wollen, sondern eine Regierung, die sich um die Rezession kümmert. Sag’ das den Kollegen im Parlament“, sagt ein Parteifreund. Zum ersten Mal seit Tagen huscht ein Lächeln über Browns Gesicht.

Die „Kollegen im Parlament“ sind die rebellischen Hinterbänkler, die den heutigen Dienstag, den 9. Juni, als den Tag festgelegt haben, an dem Brown tun soll, was er nicht tun will: zurücktreten.

Es wäre der große Tusch am Ende eines langen, traurigen und höchst schrägen Liedes. Ein Lied im Übrigen, das immer weniger Briten noch hören wollen. In einer Umfrage sprachen sich 52 Prozent der Befragten dafür aus, dass Brown sofort abtreten solle.

Diese wachsende Unzufriedenheit mit ihm und seiner Partei, die das Land seit nunmehr zwölf Jahren regiert, ist auch jenseits von Umfragen deutlich. Seit einem Monat lesen die Bürger Tag für Tag von den Spesenfrechheiten ihrer Abgeordneten, die Regierung verliert ihr Personal – am Montag nun war auch eine Umweltstaatssekretärin zurückgetreten, es ist das elfte verloren gegangene Regierungsmitglied binnen weniger Tage. Bei den Gemeindewahlen am vergangenen Donnerstag schnitt Labour schon schlecht ab, und – seit Sonntagabend weiß man es genau – auch bei der Europawahl, die zeitgleich stattfand.

Nun war es einigen Politikern auf den hinteren Bänken offenbar genug geworden. Sie einigten sich auf einen Zeitplan, den sie an die Presse lancierten. Demnach soll Brown am 9. Juni zurücktreten, am 10. Juni wird das Parteipräsidium die Wahl des Nachfolgers beschließen, am 29. Juni kann der neue Parteichef auf einem Sonderparteitag ernannt und am 2. Juli von der Königin als neuer Premier mit der Regierungsbildung beauftragt werden. So stellt man sich das vor, doch am Montag gab es auch Gerüchte, dass Brown noch am selben Abend zur Aufgabe gedrängt werden sollte.

Das schlechte Abschneiden der Labour-Partei hat Browns Lage noch misslicher als ohnehin schon gemacht. Denn es war die erste überregionale Wahl, bei der Gordon Brown an der Spitze der Partei stand.

Sogar die schlimmsten Vorhersagen wurden übertroffen. Nur 15 Prozent der Wähler stimmten für die Regierungspartei, Platz drei also, noch hinter der europaskeptischen United Kingdom Independence Party. Im Stammland Wales wurde Labour – zum ersten Mal seit 1918 – von den Konservativen überholt, in Schottland von der nach Unabhängigkeit strebenden Scottish National Party.

„Wenn wir die Botschaft der Wähler jetzt ignorieren, werden wir auf Jahre gelähmt bitter dafür bezahlen“, argumentieren die Rebellen. Aber die Wahlkatastrophe hat Brown – so paradox dies klingen mag – auch gestärkt. Montagabend traf der Premier die Labour-Unterhausabgeordneten, und es sollte über die Frage entschieden werden, die einer der Parteirebellen, der ehemalige Minister Stephen Byers, so formuliert: „Ist Gordon Brown ein Gewinner oder ein Verlierer?“

Denn sollten es die Abgeordneten schaffen, Brown endlich doch zum Rücktritt zu bewegen, dann hieße das auch: Es gäbe einen neuen Premier, und der müsste im Herbst Neuwahlen ausrufen. Angesichts der derzeit herrschenden Labour-Ablehnung im Land – das Wahlergebnis hat überdeutlich gezeigt, wie groß sie ist – würden sich die Abgeordneten also gewissermaßen selbst aus dem Parlament putschen.

Und Brown, der Mann mit dem Kompass, will ja ohnehin bleiben. Und den Labour-Abgeordneten seinen „Nationalen Drei-Punkte-Plan“ vorstellen, mit dem er sich selbst, seine Partei und sein Land aus dieser großen Vertrauenskrise bringen will: Kampf gegen die Rezession, Säuberung der Politik, Reformen der öffentlichen Dienste.

Doch alle wissen, dass es zu spät ist, dass selbst ein Sieg an diesem Montagabend nur einer auf Zeit wäre. Brown ist zu schwach, er ist abhängig von seinem Kabinett, statt es zu führen. Der Labour-Linke Jon Cruddas kündigte in der „Times“ schon an, dass er ihm nun die Politik diktieren will. Es kommt nur noch darauf an, eine Neuwahl möglichst lange zu vermeiden.

„Sie klammern sich an die Macht, um noch eine Weile Spesen und Gehälter beziehen zu können“, sagt Londons Tory-Bürgermeister Boris Johnson. Peter Kellner, Chef eines Umfrageinstituts, gehört zu denen, die glauben, dass die Partei aus Angst vor der unvermeidlichen Wahl den Führungswechsel einfach in den Herbst verschiebt. „Dann kann ein neuer Premier sagen, die Wahl finde ja ohnehin im Frühling statt, wenn die Legislaturperiode ausläuft.“

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