Großbritannien : Lehren aus dem Irakkrieg? Ja, aber später

Die Aufarbeitung soll kommen - aber nicht jetzt. Fünf Jahre nach dem Beginn des Irakkriegs hält Großbritanniens Premierminister Gordon Brown den Zeitpunkt für zu früh, um den Militäreinsatz am Golf untersuchen zu lassen.

Markus Hesselmann

London„Es ist notwendig, alle denkbaren Lektionen aus dem Militäreinsatz im Irak und dessen Folgen zu lernen“, schrieb der Labourpolitiker Gordon Brown in einem Brief an die Fabian Society, einen einflussreichen Thinktank, der mit seiner Partei verbunden ist und eine Irak-Untersuchung fordert. „Es ist noch nicht so weit“, schrieb Brown weiter. Noch würden alle Kräfte gebraucht, um dem Volk und der Regierung des Irak zu „Versöhnung, Demokratie, Wohlstand und Sicherheit“ zu verhelfen. Die Zeitung „The Independent“ veröffentlichte Browns Brief am Montag.

Am 20. März 2003 hatte der Irakkrieg begonnen. Britische Truppen kämpften an der Seite der Amerikaner gegen die Armee des Diktators Saddam Hussein und besetzten nach dessen Sturz das Land. Derzeit sind noch 4200 Soldaten aus dem Vereinigten Königreich im Irak. 175 starben in dem Konflikt. Die Zahl der zivilen Todesopfer beziffert die Organisation „Iraq Body Count“ auf fast 90 000.

Die Mehrheit der Briten ist Umfragen zufolge für einen Abzug. Am Wochenende demonstrierten in London erneut rund 10 000 Menschen gegen den Militäreinsatz. Die bedingungslose Gefolgschaft zu den Amerikanern im Irakkrieg und in den späteren Auseinandersetzungen mit Aufständischen gilt als größter Fehler der zehnjährigen Amtszeit Tony Blairs, zu dessen Regierung Gordon Brown als Schatzkanzler gehörte. Als zweitwichtigster Mann im Kabinett unterstützte Brown den Kriegskurs. Die wichtigste Begründung, eine Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen, stellte sich als falsch heraus.

Die oppositionellen Konservativen fordern die sofortige Aufarbeitung. „Eine aussagekräftige Untersuchung wird mit der Zeit immer schwieriger“, sagte der außenpolitische Sprecher der Konservativen, William Hague, dem Sender BBC. Seine Fraktion beantragt nun eine Abstimmung im Unterhaus über den sofortigen Beginn einer Untersuchung. Zuletzt scheiterte ein solcher Antrag.

„Die Arbeit ist noch nicht ganz getan“, schrieb Brown in seinem Brief. Es sei im Irak aber ein „echter Fortschritt“ erzielt worden. Das beweise die Übergabe der Provinzen im Süden des Landes an die irakischen Behörden. Die Truppen blieben noch, um irakische Sicherheitskräfte zu trainieren und zu unterstützen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International widersprach Browns positiver Sicht. Der Sturz Saddams habe den Irakern keine Erleichterung gebracht. Eine Umfrage der BBC und anderer Sender, darunter die ARD, kommt aber zu dem Schluss, dass es einen Stimmungswandel gebe. Eine Mehrheit der Iraker beurteile ihre Lage positiv, heißt es in der Studie, die am Montag veröffentlicht wurde. Dennoch, die Gewalt geht weiter: Eine Selbstmordattentäterin hat in der irakischen Stadt Kerbela am Montag über 40 Menschen getötet. Der Anschlag richtete sich gegen schiitische Gläubige. Markus Hesselmann

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