Großbritannien : Stürzt Blair über die Affäre?

Der britische Premier Tony Blair ist wegen der Affäre um Geheimdarlehen an seine Labour-Partei unter Druck. Es wird heftig spekuliert, dass Blair gezwungen sein könnte, sein Amt früher niederzulegen als geplant.

London - Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wird Tony Blair, Sohn eines Finanzbeamten, in den Adelsstand erhoben werden. Und nicht einmal die ärgsten Kritiker werden dann bestreiten, dass sich Sir Anthony den neuen Titel für ein Jahrzehnt als britischer Premierminister wahrlich verdient hat. Aber wer weiß, ob sich Blair selbst daran richtig erfreuen kann. Der Ritterschlag könnte auch auf ewig eine Erinnerung daran sein, wie sehr die Affäre um verkaufte Adelstitel an reiche Parteispender seine letzten Amtsmonate belastet.

Vom Vorhaben, dem Labour-Premier zu einem Abgang "wie ein Rockstar" zu verhelfen, ist kaum noch etwas zu bemerken. Im Augenblick ist nicht einmal mehr sicher, dass Blair wie geplant bis Juni oder Juli durchhalten kann, bevor er das Amt an den praktisch schon feststehenden Nachfolger, Finanzminister Gordon Brown, übergibt. Der "Daily Telegraph" fasste die allgemeine Stimmung am Freitag ganz gut zusammen. Er titelte: "Blair kämpft ums Überleben."

Vernehmung durch Scotland Yard

Tatsächlich steht der 53-Jährige massiv unter Druck. Eben erst wurde bekannt, dass er sich in der Downing Street bereits zum zweiten Mal einer peinlichen Vernehmung durch Scotland Yard stellen musste. Der 45-minütige Termin mit der Polizei fand bereits vor einer Woche statt, wurde aber geheim gehalten - angeblich, um die bereits seit zehn Monaten laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden. Die "Daily Mail" bemerkte spitz: "Die Downing Street ähnelt immer mehr einem Tatort und weniger einem Regierungssitz."

Im Kern der Affäre geht es um den Verdacht, dass Labour als Dank für illegale Parteispenden in Millionenhöhe einigen reichen Geschäftsleuten Lord-Titel und Sitze im Oberhaus des Parlaments in Aussicht gestellt hat. Drahtzieher soll der wichtigste Spendenschaffer der Partei gewesen sein, Michael Levy, Tennispartner von Blair. Der Multimillionär - selbst ein Lord - wurde schon zwei Mal festgenommen, kam aber bald wieder auf freien Fuß.

Ermittler vermuten Vertuschungsaktion

Inzwischen ermittelt Scotland Yard aber nicht nur wegen der vermeintlichen Parteispenden, sondern auch wegen Behinderung der Justiz. Darauf stehen mehrere Jahre Haft. Die Ermittler vermuten, dass es innerhalb der Downing Street eine groß angelegte Vertuschungsaktion gegeben haben könnte. Angeblich soll dazu sogar ein paralleles E-Mail-System eingerichtet worden sein. Die Regierung bestreitet dies. Trotzdem wird heftig spekuliert, dass Blair gezwungen sein könnte, sein Amt früher niederzulegen als geplant.

Mittlerweile ist der Unmut über die Affäre auch in der eigenen Partei so groß, dass der Premier am Freitag in der BBC in die Offensive gehen musste. Alle Rücktrittsforderungen wies er zurück. "Sie werden es mit mir noch ein Weilchen länger aushalten müssen." Zugleich kündigte er an, nach dem Ende der Ermittlungen auch in der Öffentlichkeit genauer Auskunft geben zu wollen. "In der Zwischenzeit mache ich meinen Job - egal, was die Leute denken mögen."

Manch Besucher in der Downing Street hat aber schon seine Konsequenzen gezogen. Vor allem ausländische Gäste legen neuerdings großen Wert darauf, dass sie bei einem Termin mit Blair gleich auch noch ein Gespräch mit Brown bekommen, der nur eine Hausnummer weiter arbeitet. Die neue Besuchspraxis hat auch schon eine Abkürzung, die aus britischen Supermärkten bekannt ist: GOFF ("Get One For Free"). Zu deutsch: "Nimm einen, und Du bekommst einen umsonst." (Von Christoph Sator, dpa)

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