Großbritannien und der Brexit : Bleiben oder gehen – das ist hier die Frage

Großbritannien sieht sich als Weltmacht, die (zufällig) in Europa liegt. Nun droht der Brexit, weil viele Briten mit der EU hadern. Das sollten sie lieber lassen. Ein Gastbeitrag

Andre Wilkens
Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib in der Europäischen Union ab.
Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib in der Europäischen Union ab.Foto: AFP

Im Jahr 1981 veröffentlichte die britische Punkband „The Clash“ einen ihrer erfolgreichsten Songs „Should I stay or should I go“. Es gab Gerüchte, dass der Text den Rausschmiss des Gitarristen Mick Jones vorausnahm oder auch dessen komplizierte Beziehung zu seiner Freundin verarbeitet haben soll. Jones sagte dazu, dass er einfach nur einen richtig guten Rock-’n’-Roll-Song schreiben wollte. Das hat geklappt. Es wurde der einzige Clash-Song, der die Nummer eins der britischen Single Charts geschafft hat.
Heute ist der Song auf eine Weise politisch, wie es sich „The Clash“ nicht vorgestellt haben. „Should I stay or should I go?“ Die Frage stellt sich Großbritannien am 23. Juni, wenn es über die Mitgliedschaft in der EU abstimmt.
Der Clash-Song beschreibt eine Beziehung, die schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Es wird gezankt, man nervt sich, mancher Tag ist gut, der nächste schlecht. Er fühlt sich von ihr unterdrückt, hat das Gefühl, dass sie ihn auf den Knien sehen will. Sogar seine Klamotten gefallen ihr nicht mehr, wahrscheinlich zu exzentrisch. Früher stand sie mal drauf, oder war das auch nur gespielt? Will sie ihn gar loswerden? Er weiß einfach nicht weiter.
Er nennt sie Darling. Liebt sie ihn noch? Liebt er sie noch? Haben sie sich jemals geliebt? Wenn sie ihm nur sagen würde, dass er bleiben solle, er würde es tun, sogar bis ans Ende aller Zeit, heißt es im Lied. Er weiß, egal wie er sich entscheidet, es wird schwierig bleiben. Wenn er geht, wird es Ärger geben, und wenn er bleibt, wahrscheinlich noch mehr.
Soll Britannien bleiben? Die EU ist quasi eine britische Idee. 1946 in Zürich war es kein anderer als Winston Churchill, der die Vereinigten Staaten von Europa ausrief. Er stellte sich ein vereinigtes, friedliches Europa nach dem Muster der Vereinigten Staaten von Amerika vor. Aber auch damals schon war Großbritannien nicht wirklich dabei, sondern Churchill sah seine Briten als externen Geburtshelfer für dieses bessere Europa, damit man in Zukunft nicht mehr so viel Ärger von der anderen Seite des Ärmelkanals hätte.

Das Land hat etwas Weltbürgerliches

Die Beziehung war nie einfach. Kaum war das Land in der EU, wurde 1975 in einem Referendum darüber abgestimmt, ob man das wirklich ernst meinte. Damals kam ein klares „Ja“ heraus. Aber bald gab es Streit ums Geld und um Agrarsubventionen. Trotzdem wurde Großbritannien stärker und wichtiger durch die Beziehung zur EU, hatte mehr Gewicht in der Welt. Die Wirtschaft florierte.
Oder sollte Britannien lieber gehen? Großbritannien ist eine der ältesten Nationen, Erfinder der modernen Demokratie, ehemalige und immer noch gefühlte Weltmacht, nukleare und maritime Kriegsmacht und Headquarter von Queen und James Bond. Großbritannien sieht sich als Weltmacht, die (zufällig) in Europa liegt. Und diese Selbsteinschätzung prägt das Verhältnis zu Europa. Das Land hat etwas Weltbürgerliches. Das hat mit der Geschichte des Empire zu tun, das ja parallel mit dem Aufstieg der EU unterging, aber doch noch irgendwie da ist. Das frühere Empire nennt man jetzt Commonwealth, das über 50 Länder in einem losen Verbund umfasst und alle paar Jahre seine eigene Olympiade, die Commonwealth Games, aufführt.
Großbritannien mag sein Empire verloren haben und große Teile seiner Industrie, aber es hat immer noch andere weltbewegende Macht: tolle Universitäten, Weltarchitekten, Parks und Gärten, Fußballklubs, Monty Python und die BBC. Es hat eine passable Berufsarmee und sitzt permanent im UN-Sicherheitsrat. Außerdem ist es eines der wenigen Industrieländer, das seit Jahren seine Verpflichtung ernst nimmt, 0,7 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in die Entwicklungshilfe zu stecken. Kann Großbritannien also ein Weltbürger sein, ohne sich an Europa zu fest zu binden? So ähnlich vielleicht wie die Schweiz und Norwegen? Vielleicht können sie ja auch nur Freunde bleiben, Brüssel und London. Im Clash-Song fragt er sie am Schluss: „Darling, du musst es mir sagen, soll ich bleiben oder soll ich gehen?“
Die EU will, dass Großbritannien bei ihr bleibt. Ohne das Land wird die EU ein bisschen kleiner und ein bisschen weniger wohlhabend sein. Aber das ist nicht der Punkt. Ihr wird die britische Weltläufigkeit, die Pragmatik und Arroganz fehlen. Und vor allem der britische Humor. Also, lass es uns noch mal versuchen. Vielleicht sogar bis zum Ende aller Zeit.
- Andre Wilkens ist Autor und Weltverbesserer. Zur Zeit schreibt er ein optimistisches Europa-Buch.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben