Politik : Großbritannien

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Sukhdev Sandhu,


Generation 25

Die Welt scheint heutzutage geschrumpft zu sein, mit allen Vor- und Nachteilen. Billigreisen haben dazu beigetragen. Dank Internet können wir durch digitale Landschaften streifen, die – auch wenn der Cyberspace zunehmend von Unternehmen und Medienmogulen privatisiert wird – belebter und aufregender und „jetztzeitiger“ erscheinen als die provinziellen Nicht-Räume vor unserem Fenster. Auf Knopfdruck können wir die Fesseln nationaler Identität abstreifen und uns mit der Illusion vergnügen, wir seien nunmehr Weltbürger. Wir können Dialoge führen und Begegnungen machen, die uns bilden und Freude bereiten. Wir können das Neue annehmen.

Wie kann Europa mit diesen Befreiungen mithalten? Es könnte damit aufhören, die protektionistische Mentalität George Bushs nachzuäffen, und flexibler mit seiner Grenzpolitik umgehen. Es könnte Nicolas Sarkozy Druck machen, damit er den Menschen in der Türkei, die der EU beitreten möchten, positivere Signale sendet und ihnen zeigt, dass sie willkommen sind. Es könnte aufhören, an seine eigene Überlegenheit zu glauben (eine Ansicht, die Indien und China – die beiden dominanten Länder des einundzwanzigsten Jahrhunderts – nicht teilen). Es sollte Neuankömmlinge aus Afrika und Nahost, die gekommen sind, um hier zu arbeiten, nicht als kosteneffektive Drohnen behandeln, die man herumschubst und denen man die kulturelle Teilhabe verweigert, sondern als Menschen voller Kreativität und Potenzial.

Der Autor, Jahrgang 1972, ist Schriftsteller und young.euro.connect-Autor 2005. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Ayche.

 

Louise Welsh,
Generation 50

Von April 2006 bis März 2007 war ich mit fünf weiteren schottischen und sechs deutschen Künstlern – jeweils zwei bildenden Künstlern, zwei Autoren und zwei Komponisten aus jedem Land – Stipendiatin im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Wir unterschieden uns in Alter, Hintergrund, Stil und Erfahrung, aber wir hatten zumindest eines gemeinsam: die Gelegenheit, ein Jahr lang im Fach unserer Wahl zu arbeiten. Ich bekam ein Stipendium, ein Apartment und einen sehr großen Schreibtisch.

Mein Jahr im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia ist vorbei, aber die Erfahrungen, die ich dort sammeln konnte, wirken sich weiter auf meine Arbeit aus.

Der Aufenthalt verschaffte mir ein unverhofftes Geschenk, eine Gruppe neuer Freunde aus ganz Deutschland und Schottland, mit denen ich hoffentlich für den Rest meines Lebens in Kontakt bleiben werde. Mein deutsches Abenteuer ist noch nicht vorbei. Der Roman, über dem ich brüte, spielt zwar in Schottland, aber ich schreibe ihn in Berlin. Ich glaube, wenn ich hier bin, regt das mein Heimatgefühl an. Nächste Jahr um diese Zeit bin ich wieder in Glasgow, wo ich ein Drehbuch schreiben möchte, das in Deutschland spielt – auch weil ich weiß, dass ich meine Wahlheimat vermissen werde. Das ist einer der Gründe, warum Autoren so öde sind. Egal wo sie sind – sie sind nie so richtig zufrieden.

Die Autorin, Jahrgang 1965, ist Schriftstellerin. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Ayche.

 

Anthony Giddens,
Generation 75

Die Frage, was Europa den verschiedenen Generationen bedeutet, war genial! Denn so lassen sich die Veränderungen, die das Europäische Projekt erfahren hat, ganz deutlich sehen. Ich betrachte es als einen großen Fehler, die Union als kontinuierlichen Entwicklungsprozess zu betrachten. Angesichts der Probleme, mit denen die EU sich heute plagt, sollten wir nicht vergessen, dass sie sich in einem durchaus fundamentalen Übergangsprozess befindet, der sie wesentlich verändert hat.

Wer heute 25 ist, wurde etwa 1982 geboren. Anfang der 80er Jahre hatte die Verschiebung der tektonischen Platten der Weltgesellschaft, die zu den turbulenten Veränderungen von 1989 und danach führte, bereits begonnen. Jemand, der 1989 sieben Jahre alt war, wird wohl keine wirklichen Erinnerungen an die Welt des Kalten Krieges mehr haben, an jenen Kontext, der so maßgeblich dazu beigetragen hat, die EU während der ersten Jahrzehnte ihrer Existenz zu gestalten. Vor 1989 hatte die EU viele Sorgen, aber keine besonderen Identitätsprobleme, oder Zweifel, wo ihre Ostgrenzen lagen, und sie war im Hinblick auf den wirtschaftlichen Wettbewerb mit den USA gut aufgestellt. Europa lag (so absurd es klingt) im Zentrum einer Welt, die durch die Berliner Mauer eindeutig definiert war.

Für unseren 25-Jährigen ist all dies längst vergangene Geschichte. Er kennt die Welt nur so, wie sie heute ist: Europa liegt nicht mehr auf einer globalen Bruchlinie, mit allen Vor- und Nachteilen, es gibt „ein“ Deutschland, nicht zwei, aber die internationale Ordnung ist viel unübersichtlicher als in der Vergangenheit. Wozu die EU „da“ ist, ist heute nicht so klar, und die Unterstützung für die EU geht zurück.

Meiner Meinung nach war die EU bei der Verfassung nicht clever genug – die Sache wurde falsch angepackt. Es fehlt ein neues Bewusstsein: von einer Aufgabe, von Werten, eine neue Zielgerichtetheit, die für unseren 25-Jährigen einen Sinn ergibt. Was könnte das sein? Für mich ist es die „Souveränität plus“, die die EU den Mitgliedstaaten im neuen globalen Zeitalter bietet – in einer Welt, in der sich die meisten Probleme und Chancen nicht von einzelnen Staaten allein lösen bzw. nutzen lassen, haben Mitgliedstaaten, die gemeinsam handeln, mehr echte Souveränität, als sie isoliert jemals haben könnten. Was kann selbst ein Land mit 80 Millionen Einwohnern – von kleineren Ländern gar nicht zu reden – in einer Welt mit sechs Milliarden, in der das Gravitationszentrum sich immer weiter nach Osten verlagert, schon ausrichten? Die Pro-Europäer sollten nicht auch in die aktuell pessimistische Stimmung verfallen.

Und was ist mit einer Frau, die 1982 25 war? Und in einer Zeit aufwuchs, die viele heute als goldene Zeit für Europa bezeichnen? Es war eine Zeit weit verbreiteter wirtschaftlicher Erfolge und stabiler Wohlfahrtsstaaten, und das Europäische Projekt war auf dem Vormarsch. Eine goldene Zeit! Unsere Freundin dürfte das nicht so gesehen haben. „Europa“ stand nur für Westeuropa; das Schreckgespenst einer sowjetischen Invasion oder – noch schlimmer – eines Atomkonflikts schwebte über dem Kontinent.

Wenden wir uns abschließend jemandem zu, der bei Unterzeichnung der Römischen Verträge 25 war – und miterleben konnte, wie sich all dies entwickelt hat. Ich würde mir wünschen, dass die Erfahrung ihn zu einem Menschen gemacht hat, der anpassungsfähig und aufgeschlossen und nicht in seinen Gewohnheiten festgefahren ist. Die Union kann – und muss – von vergangenen Erfolgen zehren, aber im Wesentlichen haben wir es jetzt mit einer neuen Welt zu tun. Um ihr gewachsen zu sein, brauchen wir frisches und innovatives Denken.

Der Autor, Jahrgang 1938, war bis 2003 Direktor der London School of Economics and Political Science. Giddens ist als Soziologe bekannt für seine Theorie der Strukturierung und geistiger Vater des so genannten „dritten Weges“ zwischen liberalem Kapitalismus und Sozialismus. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Ayche.


John le Carré

Der Krieg gegen den Terror wird geführt, so sagt man uns, um unsere westlichen Grundwerte zu schützen. Zu diesem Zweck nahm sich das Amerika des George W. Bush das Recht heraus auf rechtswidrige Angriffskriege, willkürliche Entführungen, die geheime und unbefristete Internierung von Bürgern jedweden Landes auf der ganzen Welt, geheime Militärtribunale ohne Zugang zu einem ordnungsgemäßen Rechtsbeistand und das Recht auf psychische und physische Folter im großen Stil.
Viele neue und alte Demokratien in Europa haben sich dabei entweder freiwillig mitschuldig gemacht oder ließen sich dazu überreden. Mein eigenes Land hat sich schändlicher verhalten als die meisten anderen. Wer gegenwärtig in England lebt, kann sich durchaus fragen, welche westlichen Grundwerte wir überhaupt noch haben, die wir beschützen könnten.
Deutschland ist heute, nicht zuletzt dank der Weisheit der amerikanischen Gesetzgeber, die beim Entwurf seiner Verfassung halfen, eine der stärksten Demokratien Europas und sicherlich die mächtigste. Mein ganzes Leben lang habe ich beobachtet und bewundert, wie seine demokratischen Institutionen immer stärker wurden, über den Kalten Krieg, das Attentat von München, die Berliner Mauer, Baader-Meinhoff bis zur Wiedervereinigung. Mit jeder Schwierigkeit scheinen Deutschlands wunderbare junge, demokratische Institutionen stärker und klüger geworden zu sein.
Aber heute sind sie mit der allergrößten Herausforderung konfrontiert: dem verheerenden Export von Unrecht im Namen der Demokratie – durch die angebliche Bastion der Freiheit in der Welt. © David Cornwell, März 2007 -Der Autor, Jahrgang 1931, ist Schriftsteller. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Ayche.

 

Tony Judt

Was bedeutet Europa für die 25-Jährigen in einem existenziellen Spannungsfeld zwischen nationalem Zugehörigkeitsgefühl und globaler Welterfahrung mit der Perspektive auf eine gemeinsame europäische Verfassung?

Ich weiß es nicht! (Ich wurde 1948 geboren) Aber ich vermute, dass Europa – für gebildete junge Europäer – unreflektiert als etwas Gegebenes wahrgenommen wird, als der normale Zustand und Lebensumstand in Deutschland, Italien oder Holland. In Osteuropa repräsentiert die EU immer noch eine Chance. Den Kontrast erfahren die Menschen dort noch immer aus den Erinnerungen und Erzählungen ihrer Eltern. Anderseits erleben sie selbst diesen Kontrast im „voreuropäischen“ Polen, Rumänien oder Slowenien außerhalb der Großstädte auch physisch.

„Was bedeutet Europa für die 50-jährigen, die 2007 so alt sind wie die Römischen Verträge?“

Als allererstes bedeutet es ökonomische Einheit/Gemeinsamkeit/Ähnlichkeit. Die Geschichte Europas in dieser Zeit aus der Sicht eines 50-jährigen wurde als eine in erster Linie ökonomische Union erlebt, als ökonomische Maßnahmen, Währungseinheit, die Entstehung internationaler Märkte und Beschäftigung.

„Was bedeutet Europa für die 75-Jährigen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben und danach eine lange Phase von Frieden?“ Es bedeutet eine Versicherung gegen die Wiederkehr der Vergangenheit – die ökonomische Vergangenheit der Wirtschaftskrise, die politische Vergangenheit der Diktatur, des Krieges und der Besatzung.

Der Autor, Jahrgang 1948, ist Historiker und Professor an der New York University Leiter des dortigen Remarque-Instituts. Übersetzt aus dem Englischen.

 

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