Politik : Großdemonstration gegen die Gewalt der baskischen Separatisten

Ralph Schulze

"Mörder, Mörder", schallt es aus tausendfach, hundertausendfach durch die Straßenschluchten im Zentrum Madrids. Der Sturm, der Orkan des Protestes gegen die baskische Terrorgruppe Eta bricht sich an den zehn Stockwerken hohen Fassaden, donnert durch die ganze Altstadt. Über den zwölfspurigen "Paseo de Recoletos", Madrids größte Verkehrsschneise, wälzt sich ein Heer von Menschen, über eine Million Bürger - Spanien erlebt an diesem Sonntag Mittag eine der größten Demonstrationen seiner Geschichte.

Der Massenmarsch gegen die Gewalt, gegen den sinnlosen Terror, formiert sich 48 Stunden nach jener Explosion, die den spanischen Oberstleutnant Pedro Antonio Blanco García tötete. Der erste Mordanschlag der Terroristen nach 19 Monaten Frieden.

Zwei Tage nach dem Mord, dem 770. in der blutigen Eta-Geschichte, erhebt sich das Volk. Bekundet Wut, Verzweiflung, Verachtung: "Eta raus", "Wir wollen in Frieden leben." "Basken ja, Eta Nein", rufen die Menschen, viele in Schwarz gekleidet, und recken die bloßen Hände in die Höhe - Symbol für den demokratischen Widerstand. Dann brandet Applaus auf, in Spanien eine Geste des Respekts für die Toten, für den Militäroffizier Blanco, Opfer Nummer eins nach Ende des Waffenstillstandes. Jener Feuerpause, die von der ETA Anfang Dezember aufgekündigt worden war, weil sie ihrem Ziel, einem unabhängigen Baskenstaat, in der Friedenszeit nicht näherkam.

An der Spitze des Protestzuges marschieren gleich vier Männer, die in Spanien Geschichte schrieben: Der heutige konservative Regierungschef José María Aznar, sein sozialistischer Vorgänger Felipe Gonzalez und die beiden ersten spanischen Premiers nach dem Ende der Franco-Diktatur, Adolfo Suarez und Leopoldo Calvo Sotelo. Neben ihnen der heutige sozialistische Oppositionsführer Joaquín Almunia, Kommunistenchef Francisco Frutos, die Gewerkschaftsspitzen, Madrids Bürgermeister.

Spaniens Machtelite, an diesem Tag vereint über alle Parteigrenzen, solidarisch mit dem Volk, klammern sich stumm an ein meterlanges weißes Transparent: "Für den Frieden und die Freiheit. Terrorismus Nein." Ein gute Geste, aber auch Ausdruck der Hilflosigkeit, der Ohnmacht. Denn politische Rezepte gegen den Terror hat keiner, nachdem die Friedensgespräche mit der ETA im vergangene Jahr scheiterten. Der Bruch kam aus einem einzigen Grund: Die ETA will einen politischen Preis, die baskische Souveränität, für den Frieden herauspressen. Der Staat, da sind sich die drei großen Parteien, Konservative, Sozialisten und Kommunisten einig, kann diesen Preis nicht zahlen. Ausgerechnet die baskischen Parteien fehlen an diesem Sonntag in diesem Massenmarsch gegen die Gewalt. Die Baskenführer verurteilen zwar den Anschlag, halten aber Distanz zum politischen Feind.

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