Politik : Große Gesten

Bildhauer-Architekt Gottfried Böhm: Ausstellung im Deutschen Architektur-Museum Frankfurt/Main

Christian Huther

Nur ein einziger Deutscher erhielt bisher den Pritzker-Preis, die höchste internationale Auszeichnung für Architekten. Gottfried Böhm gilt seit der Verleihung 1986 als Nestor der deutschen Spätmoderne. Seine Entwürfe hat er nach Frankfurt/Main ins Deutsche Architekturmuseum gegeben, zusammen mit dem Nachlass seines Vaters Dominikus, einem der bedeutendsten deutschen Kirchenbauer. Dieser wurde vor einem Jahr gewürdigt, nun ist der 86-jährige Gottfried an der Reihe. Die Retrospektive über zwei Museumsetagen spannt den Bogen von den fünfziger Jahren bis zu neuen Projekten. Denn Gottfried Böhm arbeitet noch immer in seinem Kölner Büro, meist mit seinen drei Söhnen. Die Dynastie lebt fort.

Ähnlich wie sein Vater war Gottfried bis in die späten sechziger Jahre fast nur mit Kirchen beschäftigt, insgesamt 69 hat er gebaut. Aber sie sind so unterschiedlich, dass man sie kaum nur einem Architekten zuordnen würde. Böhm probierte vieles aus. Wie eine Ziehharmonika faltete er die Kölner Kirche St. Gertrud; danach verkantete er drei Pyramiden ineinander zu einem alpinen Betonmassiv für die Kirche in Neviges zwischen Wuppertal, Düsseldorf und Essen.

Zuerst abgelehnt wegen „Übersteigerung ins Manieristische“, gilt die Wallfahrtskirche von Neviges heute als Inkunabel der Moderne. Auch beim Rathaus für Bensberg bei Bergisch Gladbach zeigte Böhm seine Qualitäten als Bildhauer-Architekt und umgarnte mit Sichtbeton und wellenförmigen Fensterbändern die mittelalterliche Burg. Was bei den Expressionisten nur Visionen auf Papier blieben, realisierte Böhm in der Provinz. „Felsen aus Beton und Glas“ heißt die Schau. Denn Böhms kristalline Phase kehrt später in entmaterialisierter Form wieder. Augenfällig wird das beim Stuttgarter Züblin-Bau (1984) aus zwei parallelen Flügeln, überspannt von einer 33 Meter hohen Glashalle. Sie dient der großen, auch pathetischen Geste eines Zwischenraumes.

Aber Böhm fand selbst für Sozialwohnungen, Altenheime und Kinderdörfer abwechslungsreiche Gestaltungen, indem er etwa kleine Balkonbrüstungen gegen wuchtigere Formen, höhere gegen niedrigere Bauten laufen ließ. Seit dem ersten Projekt in Köln (1974) variiert er diese Grundideen. Manches war in den achtziger und neunziger Jahren auch postmodern überfrachtet. Doch bei seinen vor der Wiedervereinigung entstandenen Plänen zum Berliner Reichstag fand Böhm wieder die Mitte zwischen Historie und Moderne. Er hob den Plenarsaal ins Dach und spannte darüber eine achteckige Kuppel mit Halbkugelumriss. Die Kuppel sollte für alle offen sein, das Volk auf seine Vertreter herabschauen. Aber die Pläne wurden abgelehnt. Später nahm Norman Foster diese Symbolik auf.

Mit großen Gesten wartet schließlich auch Böhms Neubau für das Potsdamer Hans-Otto-Theater auf, das in der zweiten Septemberhälfte eröffnet wird. Es besteht aus mehreren Schalen, die fächerförmig übereinandergestapelt sind. Diese Fächer schweben über den Gebäudetrakten und schützen sie wie Hände. Böhm gelang damit wiederum ein treffendes Bild, diesmal für die darstellenden Künste.

Frankfurt am Main, Schaumainkai 43, bis 5. November. Katalog 32 €.

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