Politik : Großer Grenzverkehr

Generatoren dröhnen, Männer graben, Ägyptens Soldaten sehen zu – der unterirdische Schmuggel in den Gazastreifen boomt wieder

Martin Gehlen[Rafah]

Ganze Stadtviertel liegen in Trümmern, hunderttausende Menschen haben keinen Strom und kein Wasser. Doch an den Tunneln in Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten herrscht längst wieder Hochbetrieb. Es wimmelt von Leuten, weit hörbar dröhnen mächtige Dieselgeneratoren, dazwischen wühlen Schaufelbagger mit qualmendem Schornstein verschüttete Eingänge frei. Seilwinden brummen über den Schächten. Und abends im Cafe gönnen sich junge Männer mit sandigen Hosen nach getaner Arbeit eine Wasserpfeife.

Oben auf einem 25 000-Liter-Tankwagen sitzt ein 24-jähriger Tunnelchef und raucht eine Zigarette. Diesel brennt nicht, meint er entschuldigend, bevor er herunterklettert. Zehn Stunden dauert es, bis der Wagen über die beiden Plastikpipelines von drüben gefüllt ist. Als Namen geben alle hier Mohammed an. Heizöl-Mohammed hat Geschichte studiert, keine Arbeit gefunden und dann mit neun anderen in eine unterirdische Pipeline investiert. Acht Monate hat der Bau gedauert. 2000 Euro verdienen die zehn Eigner an einem Tankwagen. Drei füllen sie pro Woche, ihre Einnahmen reichen für acht Familien.

Zu Beginn des Krieges glich die Tunnelregion von Weitem einem gut organisierten Campingplatz. Selbst mit Google Earth waren die weißen Zelte über den Eingängen zu sehen – teilweise so groß wie Gewächshäuser. Seitdem haben israelische Kampfjets Hunderte von Raketen in den Korridor gejagt, alle 25 Meter eine – wie die Leute hier erzählen. Mindestens fünf Tunnelarbeiter kamen ums Leben. Zeltplanen flattern zerfetzt im Wind. Die Hälfte der rund 800 Stollen ist beschädigt, sagen die Leute. Doch in spätestens vier Wochen läuft alles wieder wie gehabt. Umgerechnet 20 Euro am Tag verdient ein Tunnelgräber. „Die Arbeit ist gefährlich, aber wir haben keine Alternative“, sagt der schlanke junge Mann mit Pudelmütze und Diplom in Sozialwissenschaften. Mehr als 70 seiner Kollegen sind in den letzten Monaten unter der Erde verschüttet worden.

Die Tunnel von Rafah – bei den von Ägypten vermittelten Verhandlungen zur Verlängerung des Waffenstillstands spielen sie eine entscheidende Rolle. Für Israel gehört ihre Schließung zu den wichtigsten Kriegszielen. Und kaum ein internationaler Politiker, der nicht schon seine Rezepte angedient hätte. Außenminister Frank-Walter Steinmeier will deutsche Grenzschützer schicken, die die Ägypter trainieren sollen. Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Eckart von Klaeden, pries das Untertage-Know-how seiner Landsleute an. Das Pentagon ließ verbreiten, man helfe Ägypten mit Millionen teurer Sonartechnik beim Aufspüren der geheimnisvollen Stollen. „Kein Problem, die Tunnel zu schließen“, sagt einer der Gräber. „Gebt uns Geld und Arbeit und wir hören sofort damit auf.“

Auch sind die Schmuggelröhren keine geheime Kommandosache, sie arbeiten unter freiem Himmel wie ganz normale Wirtschaftsunternehmen. Jeder Betreiber kennt die Tarife seiner Branche, die Verdienste sind bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma kalkuliert. Und ägyptische Soldaten sitzen an der Grenzmauer auf Stühlen, um das Treiben bequem betrachten zu können.

„Öffnet die Grenzen, dann brauchen wir die Tunnel nicht mehr“, sagt Ahmed Yusuf, Berater des Hamas-Regierungschefs Ismail Haniya. Yusuf ist einer der wenigen Hamas-Spitzenleute, die bislang öffentlich auftraten. Als es nur wenige Tunnel gab, hätten die Menschen die Barrieren niedergerissen und Hunderttausende seien über die Grenze nach Ägypten durchgebrochen. „Vielleicht brechen sie das nächste Mal am Übergang Erez durch nach Israel. Dann marschieren 1,5 Millionen Menschen auf Erez zu“, sagt er. Niemand werde zu Hause bleiben und sich zu Tode hungern lassen. „Wenn es eine Friedenslösung mit Israel gibt, brauchen wir auch keine Waffen mehr“, fügt Issa Ali Nasr hinzu, Bürgermeister von Rafah und Gründungsmitglied von Hamas. Er gehört dem moderaten Flügel an, sein Rathaus wurde von Raketen zerstört. „Wir wollen nur eines erreichen – ein Leben in Würde.“

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