Politik : „Großer Tag für die Gerechtigkeit“

Nigeria will den ehemaligen Rebellenführer Taylor ausliefern. Er soll vor das Sondergericht in Sierra Leone gestellt werden

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Viele afrikanische Diktatoren haben ihren Lebensabend bislang ohne Furcht vor einer strafrechtlichen Verfolgung in Wohlstand und Sicherheit verbringen können. Der ugandische Schlächter Idi Amin aber auch der kongolesische Kleptokrat Mobutu Sese Seko starben beide im Exil fernab der Heimat. Und Äthiopiens Massenmörder Mengistu Haile Mariam lebt seit seinem Sturz vor 15 Jahren ungestört in Simbabwes Hauptstadt Harare. Gleichwohl könnte ein bislang beispielloser Vorfall nun manchem den vermeintlich beschaulichen Ruhestand vergällen: Ausgerechnet Liberias früherem Machthaber Charles Taylor, der wohl Übelste unter Afrikas noch lebender Despotenriege, droht die sofortige Auslieferung durch Nigeria an sein Heimatland. Wann dies genau geschehen wird, ist noch unklar.

Sicher ist jedoch, dass der nigerianische Präsident Olusegun Obasanjo seine liberianische Amtskollegin Ellen Sirleaf Johnson am Wochenende über die bevorstehende Auslieferung Taylors informiert hat. Liberias Regierung, so Obasanjo, könne Taylor umgehend in Gewahrsam nehmen. Von dort droht dem Ex-Diktator die sofortige Überstellung an den Sondergerichtshof im benachbarten Sierra Leone. Dieser hat Taylor bereits in 17 Punkten wegen Kriegsverbrechen und Vergehen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Auch die 15 000 in Liberia stationierten UN-Soldaten haben die Anweisung, Taylor bei seinem Eintreffen vor Ort sofort festzunehmen und an den Sondergerichtshof zu überstellen. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch haben die Auslieferung begeistert begrüßt. Sie sei ein „großer Tag für die Gerechtigkeit“ aber auch für Taylors viele Opfer in ganz Westafrika, sagte die Organisation.

Allerdings müsse der 58-Jährige wegen der bestehenden Fluchtgefahr sofort verhaftet werden, meinte Richard Dicker, Direktor des International Justice Programms der Organisation. Es wäre jedenfalls eine Schande, wenn der Diktator wegen der nur laxen Bewachung in Nigeria im letzten Moment fliehen könne. Taylor hatte in den späten 80er Jahren zunächst in Liberia einen Bürgerkrieg angezettelt und war dort 1997 nach massiven Gewaltdrohungen zum Präsidenten gewählt worden. Während des ebenfalls von ihm geschürten Bürgerkriegs im benachbarten Sierra Leone bewaffnete er die brutalen Rebellen, um mit ihrer Hilfe die dortigen Diamanten zu plündern. Dabei wurden grausame Verbrechen an der Zivilbevölkerung verübt. Vor vier Jahren wurde Sierra Leone durch britische Truppen befriedet und in der Hauptstadt Freetown ein Tribunal zur Aufklärung der Kriegsverbrechen eingesetzt, vor dem sich Taylor nun womöglich verantworten muss.

Der frühere liberianische Despot war im August 2003 vor einer Rebellenarmee nach Nigeria geflüchtet. Um ein Blutbad zu verhindern, hatte ihm das Land damals politisches Asyl gewährt Seither lebt Taylor mit einer Entourage von über 100 Leuten in der alten Kolonialstadt Calabar im Südosten des Landes, ohne sich um die strikten Asylauflagen zu scheren. Nigerias Präsident war in den letzten Monaten unter verstärkten internationalen Druck geraten, Taylor an sein Heimatland auszuliefern. Erst letzte Woche hatte auch Liberias neu gewählte Präsidentin Johnson Sirleaf die rasche Überstellung Taylors verlangt. Dass er sich einem Prozess entziehen könne, sei ein Hindernis für die weitere Entwicklung ihres Landes, sagte sie. Sirleaf war im Januar nach einer freien Wahl an die Macht gelangt – eine Vorbedingung der Nigerianer für eine Auslieferung. Daneben soll Taylor seine Asylauflagen seit langem dreist missachtet haben, unter anderem durch die Bestechung der zu seiner Bewachung abgestellten nigerianischen Polizisten. Die Chefermittler des Tribunals in Sierra Leone sind jedenfalls überzeugt, handfeste Beweise zu haben, dass er aus dem Exil noch immer die Fäden ziehe und in der ganzen Region für Unruhe sorge. Taylors Ziel sei es, den fragilen Friedensprozess in Liberia zu unterminieren und dadurch die eigene Rückkehr vorzubereiten, heißt es.

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