Großer Zapfenstreich für Christian Wulff : Abschied in Wut und Würde

Vielleicht musste diese Affäre genau so enden: mit einer trotzigen Unschuldsbekundung des Unterlegenen und mit letzten Mäkeleien seiner Jäger, die am Ende ihrem Opfer immer ähnlicher wurden.

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Die Wulff-Gegner stören die Zeremonie mit der "Wulffuzela", wie die Tröte spöttisch umbenannt wurde.Weitere Bilder anzeigen
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08.03.2012 23:02Die Wulff-Gegner stören die Zeremonie mit der "Wulffuzela", wie die Tröte spöttisch umbenannt wurde.

Gut, dass es jetzt gleich vorbei ist. Der Oberstleutnant salutiert vor dem roten Podest. „Herr Bundespräsident, melde den Großen Zapfenstreich zu Ihren Ehren angetreten.“ Christian Wulff neigt knapp den Kopf. „Danke schön“, sagt er. Eine Soldatin tritt vor mit der Urkunde. „Danke schön“, sagt Christian Wulff wieder. Das mit der Soldatin ist eine Premiere, wegen Weltfrauentag.

Wulff schaut über die angetretene Ehrenformation mit ihren Gewehren und Fackeln und Trommeln hinweg auf das Schloss. Bellevue ist hell angestrahlt, es spiegelt sich im Teich des Schlossgartens. Von vorne aus dem Tiergarten dröhnen die Vuvuzelas herüber. Ein empörter Teil des Volks steuert seinen Teil zum Abschied bei, ein paar Hundert sind gekommen. „Er soll’n Tritt in’n Popo kriegen!“, schimpft eine jüngere Frau in ein Reportermikrofon. Würde und Wut liegen im lautstarken Wettstreit miteinander an diesem letzten Abend. Es hat ja schon in den Tagen vor diesem Zapfenstreich noch reichlich Aufgeregtheiten gegeben, demonstrative Absagen von gar nicht Eingeladenen ebenso wie mäklerische Kommentare darüber, dass so einer wenigstens auf die militärischen Ehren zu verzichten hätte. Wulff mochte nicht verzichten. Aber vielleicht muss diese Affäre genau so enden: mit einer trotzigen Unschuldskundgebung des Unterlegenen und mit letzten Mäkeleien seiner Jäger, die am Ende ihrem Opfer immer ähnlicher wurden in kleinlicher Rechthaberei. Hans-Jochen Vogel hat ihm sogar zu gemeinnütziger Arbeit geraten. Man muss wohl ein sozialdemokratischer Protestant sein, um auf solche Ideen zu kommen.

Die Causa Wulff
Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das Büro mit Mitarbeitern geht.Weitere Bilder anzeigen
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04.03.2012 21:00Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das...

Aber vielleicht muss eine Affäre wirklich so enden, die am 13. Dezember 2011 mit der „Bild“-Schlagzeile „Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ anfing. Jawohl, hat er, wie man mittlerweile antworten muss, auch wenn jenen Privatkredit fürs Einfamilienhaus in Großburgwedel formal nicht der Freund und Unternehmer Egon Geerckens gegenzeichnete, sondern dessen Frau. Hätte Wulff damals den Fehler sofort eingestanden und sich entschuldigt – wer weiß, ob er nicht heute noch im Schloss Bellevue Diplomatenhände schütteln würde. Doch der Ertappte wand sich. Was folgte, ist sattsam bekannt, von der Kriegserklärung auf der Mailbox von „Bild“-Chef Kai Diekmann bis zum Urlaub auf Sylt, angeblich in bar dem Freund David Groenewold zurückgezahlt aus Schwiegermutters Erspartem.

Als sich am 16. Februar der Staatsanwalt im Präsidialamt ankündigte, war der Rücktritt fällig. Dass er „Fehler gemacht“ habe, aber „immer aufrichtig“ war, wollte da längst keiner mehr hören. Dass das eine stimmte und das andere nicht, war auch schon lange egal. Am Donnerstagabend ist von Fehlern keine Rede. Aber Aufrichtigkeit wäre auch die falsche Beschreibung für den Empfang im Schloss. Nur den Vertretern der Migranten darf man das Bedauern ungebrochen abnehmen. Wie eine Mauer, sagt einer, der dabei war, haben Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands, und andere um Wulff herum gestanden. „Der Islam gehört auch zu Deutschland“ – er hätte der Präsident ihrer Herzen bleiben können. So aber hält jetzt der vorläufige Hausherr eine kurze Rede.

Horst Seehofer, als amtierender Bundesratspräsident automatisch der Stellvertreter des Staatsoberhaupts, spricht von „Abschied und Dank zugleich“, würdigt Wulffs Eintreten für die „Vielfalt der Traditionen und Kulturen“, die deutsch-polnischen sowie die Beziehungen zu Israel, für das bürgerschaftliche Engagement und für den Zusammenhalt. Sie haben Deutschland würdig in der Welt vertreten“, sagt Seehofer und wünscht dem Ehepaar Wulff und der Familie „alles Gute und für Ihre neuen Ziele Glück und Gottes Segen“. Dann dankt Wulff.

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