Politik : Großer Zirkus

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Warum einem, mitten in der Lobby des Reichstags, Rainer Maria Rilke einfällt? Das Gedicht vom Karussell, in dem der Dichter die Pferde beschreibt und den roten Löwen und den Hirschen, all die Holzfiguren die sich da im Kreise drehen, als Refrain aber immer wieder die Zeile: „Und dann und wann ein weißer Elefant.“ Vielleicht geht uns die Zeile im Kopf herum wegen der Szene vor unseren Augen. Dort wandelt der Joschka Fischer im grauen Dreiteiler jetzt schon seit ein paar Minuten auf und ab, macht ein bedeutsames Gesicht und spricht dabei ausdauernd in sein Handy. Hinter ihm her aber, in respektvollem, nämlich außer Hörweite bemessenem Abstand drängt sich ein Pulk Kameraleute. Wendet sich der Bundesminister des Auswärtigen nach links, schwenkt der Pulk nach links hinterher; wandelt er zur Rechten, folgen ihm die Objektive. So ähnlich war das früher einmal – uns dämmert der Grund für unsere Rilke-Assoziation –, wenn in die Kleinstadt in den Wäldern der Zirkus gekommen ist. Die Zirkusleute haben ihr großes Zelt in den Wiesen in der Flussniederung aufgeschlagen. Vor der ersten Vorstellung haben sie einen Umzug gemacht durch die Hauptstraßen. Die Kinder haben alle am Rand gestanden, manche Erwachsenen auch, mit glänzenden Augen haben sie zugeschaut, wie die Kamele vorziehen und das spuckende Lama, die Löwen (im Käfigwagen, sicherheitshalber) – und ab und an ein Elefant. Kein weißer, doch ein großer Anblick ist der Dickhäuter auch in Grau. Es ist ein ferner Abglanz jenes Staunens, das über der Szene im Reichstagsfoyer liegt. Abgeordnete wuseln da alltäglich entlang, wichtige und nicht ganz so bekannte. Aber ab und an ein weißer Elefant.

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