Politik : Großes im Blick

Robert Birnbaum

+Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Karl der Große ist weg. Etliche Tage lang hat er in einer Fensternische der Schweizerischen Botschaft gestanden, den strengen Blick geradeaus gerichtet. Wobei wir den Verdacht nicht loswerden, dass der Herr mit dem Reichsapfel in der Rechten heimlich doch zur Seite geschielt hat. Der Schweizerischen Botschaft schräg gegenüber nämlich liegt das Bundeskanzleramt. Ob Gerhard Schröder, wenn er durch die Hauptpforte fuhr, sich dessen bewusst war, dass der da oben ein ferner Vorgänger war? Gut, die Methoden haben sich seither geringfügig geändert. Aber die Probleme sind geblieben. Steuerpolitik zum Beispiel war vor 1200 Jahren so diffizil wie heute, nur dass die frisch und ungern zum Christentum bekehrten Sachsen die Einführung des Zehnten zugunsten der Kirche mit Volksaufständen quittierten statt mit Mitgliederbefragungen.

Oder nehmen wir den Stamm der Bayern. Die galten seit jeher als problematisches Völkchen, dem man von Zeit zu Zeit seine Grenzen aufzeigen muss. Karl hat den Herzog Tassilo im Jahre 788 kurzerhand abgesetzt. Aber nicht wegen solcher Kleinigkeiten hat ein unbekannter Bildhauer im 12. Jahrhundert den Kaiser in Stein gehauen, nicht deshalb haben die Mönche des Klosters Müstair ihn in ihrer Kirche aufgestellt. Karl, den sie nach seinem Tod den Großen nannten, stand für die Menschen des Mittelalters für eine Sehnsucht. Es war die Sehnsucht nach dem guten, dem weisen, dem starken und gerechten Herrscher. Ein paar Tage lang ist ein letzter Abglanz dieser Hoffnung auf die Regierung gefallen. Jetzt steht Karl im Deutschen Historischen Museum. Ob er dem Kanzler fehlt? Aber er ist ja sowieso bloß eine Kopie.

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