Politik : Großes Interesse an Familienpflegezeit

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Berlin - Die geplante Familienpflegezeit stößt bei Arbeitnehmern mit Pflegebedürftigen auf deutlich größeres Interesse als die bisherige Pflegezeitregelung. Bei einer repräsentativen Befragung von Ratsuchenden einer Pflegeberatungsstelle, die dem Tagesspiegel vorliegt, gaben 23 Prozent an, die neue Regelung nutzen zu wollen. Das bisherige Angebot dagegen, sich bis zu sechs Monate unbezahlt ganz oder teilweise von der Arbeit freistellen zu lassen, um nahe Angehörige zu pflegen, nannten 90 Prozent uninteressant.

Im neuen Gesetz, dessen Entwurf am Mittwoch vom Bundeskabinett gebilligt wurde, ist vorgesehen, dass Berufstätige ihre Arbeitszeit für maximal zwei Jahre auf bis zu 50 Prozent reduzieren können, in dieser Zeit aber 75 Prozent ihres bisherigen Gehalts beziehen. Zum Ausgleich müssen sie danach so lange für dasselbe Einkommen Vollzeit arbeiten, bis ihr Zeitkonto wieder ausgeglichen ist. Einen Rechtsanspruch soll es aber nicht geben.

Auch aus der Union gab es deshalb Kritik. Er bedaure es, dass sich Kabinett und Koalitionsspitze sich nicht auf einen generellen Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit einigen konnten, sagte der Chef der Arbeitnehmergruppe von CDU und CSU, Peter Weiß. Nun hänge es von der Bereitschaft einzelner Unternehmer ab, ob sie Beschäftigten die Pflegezeit ermöglichten. Nach Angaben des Familienministeriums ist deren Bereitschaft dazu aber groß. Familienfreundlichkeit sei in Zeiten des steigenden Fachkräftemangels „ein harter Wettbewerbsfaktor“, sagte Ressortchefin Kristina Schröder (CDU).

Skepsis gegenüber der neuen Regelung herrscht vor allem bei männlichen Berufstätigen. Nur elf Prozent gaben an, sie nutzen zu wollen. 17 Prozent aller Befragten lehnen dies aus finanziellen Gründen ab und 18 Prozent, weil sie berufliche Nachteile fürchten. Letzteres beunruhigt vor allem männliche Beschäftigte (23 Prozent).

Von den Befragten, die bereits Pflegezeit in Anspruch nahmen, hat sich knapp die Hälfte für ein halbes Jahr aus dem Job verabschiedet. Bei 15 Prozent betrug die Auszeit vier bis sechs Monate, bei 23 Prozent einen Monat. Die Abstimmung mit dem Chef war für 64 Prozent unproblematisch, nur 14 Prozent hatten Schwierigkeiten. Für ihre Erhebung hat die Compass Private Pflegeberatung 1077 Ratsuchende befragt. Rainer Woratschka

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