Politik : Großrazzien in Saddams Heimat

Gemeinsame Aktion von US-Soldaten und Irakern / Powell: Wer an Massenvernichtungswaffen zweifelt, ist naiv

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DER IRAKKRIEG UND DIE FOLGEN

Chaldijah/Wasington (AP). US-Soldaten haben bei Großrazzien in der irakischen Stadt Tikrit und Umgebung 92 Personen festgenommen. Wie die US-Armee am Montag erklärte, wurden im Rahmen der zwei Dutzend Razzien auch Gewehre vom Typ Kalaschnikow, Mörser, Raketenwerfer und Munition beschlagnahmt. Unter den Festgenommenen seien zwölf Männer, die für zahlreiche Anschläge auf US-Soldaten in der Heimatstadt von Saddam Hussein verantwortlich gemacht werden, wie US-Major Gordon Tate erklärte. An der Aktion waren zum Teil auch irakische Polizisten beteiligt.

Die Regierung von US-Präsident George W. Bush hat Vorwürfe zurückgewiesen, sie sei auf der Basis vager und veralteter Informationen in den Irakkrieg gezogen. Der Sprecher des Geheimdienstes CIA, Bill Harlow, nannte die Anschuldigungen absurd. Die „Washington Post“ hatte am Sonntag über einen Brief der Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses des Repräsentantenhauses an CIA-Direktor George Tenet berichtet. Darin hieß es, es habe nur „bruchstückhafte“ Beweise dafür gegeben, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfüge. Der Geheimdienst habe es kaum geschafft, aktuelle Informationen zu beschaffen, nachdem die UN-Waffeninspekteure das Land 1998 verlassen hätten, so die Ausschussvorsitzenden Porter Goss und Jane Harman. Stattdessen habe er sich auf Einschätzungen der Vergangenheit verlassen.

Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice sagte, bis Kriegsbeginn habe es immer wieder neue Informationen gegeben. Nichts habe darauf hingewiesen, dass Saddam Hussein seine Bemühungen um Beschaffung von Massenvernichtungswaffen aufgegeben habe. Außenminister Colin Powell verwies auf den Giftgasangriff auf kurdische Zivilisten 1988. Es sei naiv zu glauben, Saddam Hussein habe plötzlich kein Interesse mehr an chemischen, biologischen und atomaren Waffen gehabt, sagte Powell dem Fernsehsender ABC am Sonntag. Anzunehmen, der Irak besitze keine Massenvernichtungswaffen, sei angesichts der Erfahrungen aus der Vergangenheit unlogisch.

Das Weiße Haus verteidigte die Bitte Bushs an den Kongress um 87 Milliarden Dollar für Irak und Afghanistan. Rice sagte dem Fernsehsender NBC, vor dem Krieg sei nicht klar gewesen, wie viel Unterstützung der Irak brauche. Angesichts der Bilder aus Bagdad habe man glauben können, die irakische Hauptstadt liege in einer Industrienation. Tatsächlich sei die Infrastruktur jedoch in einem äußerst schlechten Zustand. Rund 3000 Demonstranten protestierten am Sonntag in Los Angeles gegen die US-Verwaltung im Irak. Die USA müssten sich zurückziehen und den UN die Verantwortung übergeben, so der demokratische Präsidentschaftsbewerber Dennis Kucinich auf der Kundgebung. Auch in San Francisco, Boston und in Vancouver in Kanada gingen Demonstranten auf die Straße. In europäischen Städten hatten am Wochenende Tausende den Abzug der Besatzungstruppen aus dem Irak gefordert.

US-Truppen griffen am Montag mit Panzern und Hubschraubern in der Nähe von Chaldijah westlich von Bagdad aufständische irakische Kämpfer an. Nach Berichten von Anwohnern begannen die Gefechte am Morgen und dauerten am Nachmittag an.

Bei den Razzien, der bislang größten gemeinsamen Aktion mit irakischen Polizisten, wurden auf der Suche nach mutmaßlichen Fedajin-Kämpfern mehrere Häuser gleichzeitig gestürmt, wie US-Oberstleutnant David Poirier mitteilte. Er nannte den Einsatz einen großen Erfolg, weil erstmals Iraker die Leitung übernommen hätten. Ziel der Aktion war es nach Angaben von Poirier vor allem, die Organisationsstruktur der Fedajin zu zerschlagen. Die irakische Polizei habe zuvor Hinweise aus der Bevölkerung erhalten. Er wertete dies als Zeichen, dass die Menschen in Tikrit die Gewalt leid seien. An der Operation kurz nach Mitternacht waren mehr als 200 irakische Polizisten beteiligt, die von der amerikanischen Militärpolizei ausgebildet wurden. Am Sonntagabend töteten US-Soldaten bei einer Schießerei südlich von Balad einen Iraker, drei weitere wurden gefangen genommen. Nach US-Angaben waren in dem Auto der Männer zwei Gewehre, die getöteten US-Soldaten gehört hatten.

Der amtierende UN-Koordinator Kevin Kennedy kündigte am Montag an, die UN würden trotz der Bombenanschläge auf ihre Zentrale in Bagdad auch künftig ausreichend Personal behalten, um ihre Aufgaben im Nachkriegs-Irak leisten zu können. Bei dem Anschlag Anfang August waren 22 Menschen gestorben, darunter der UN-Sondergesandte für den Irak, Sergio de Mello.

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