Grüne : Keine Macht, nirgends

Die Grünen-Chefs freuen sich über das Stimmungshoch ihrer Partei – das verdeckt den entscheidenden Schwachpunkt im Wahlkampf.

Hans Monath[Hildesheim]
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Über Obst reden. Renate Künast sieht für grüne Themen ein riesiges Interesse – auch in der Fußgängerzone Hildesheims. Foto: dpadpa

Es ist kurz nach drei Uhr am Nachmittag, als sich in der Fußgängerzone von Hildesheim eine kleine Frau mit energischen Schritten ihren Weg zum Wahlkampfstand der Grünen bahnt. Renate Künast steht unter Strom. An Tischen mit grell-grünen Deckchen bieten die Öko-Wahlkämpfer Paprika- und Möhrenstückchen, Staudensellerie mit Frischkäse sowie Äpfel und Birnen aus Bio-Anbau an.

Kaum ist die Spitzenkandidatin angelangt, streift sie an den Tellern entlang, greift sich einen Ravensteiner aus einem großen Weidenkorb und belehrt die Hildesheimer über die bedauernswerte Monokultur im deutschen Obstbau. „Sie sind ja viel kleiner als im Fernsehen“, wundert sich eine Passantin. „Jetzt denken Sie, wo kommt die Power her?“, kontert Künast: „Es kommt von innen, weil''s mich irgendwie treibt.“

Die Selbstbeschreibung scheint schon deshalb glaubwürdig, weil es Künast kaum erwarten kann, endlich das Mikrofon in die Hand zu nehmen: „Meine Damen und Herren, schön, dass Sie alle hier sind, ich lad'' Sie mal alle ein, von der grünen Tafel zu kosten!“ Die Bio-Lebensmittel sind für die frühere Agrar- und Verbraucherministerin der Beweis, „dass Ernährungsfragen keine Nebenthemen, sondern Kernthemen sind“.

In freier Rede attackiert Künast dann die Atompolitik der Union und die Käfighaltung von Hühnern, verspricht eine Million neuer Jobs und arbeitet sich immer wieder an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ab: „Die Frau sitzt bei den Lobbyisten auf dem Schoß.“ Vor allem ältere Zuhörer schauen dann ziemlich skeptisch, aber zum Schluss gibt es Applaus. Noch vor vier Jahren war Joschka Fischer das wichtigste Zugpferd der Grünen. Zu manchen Auftritten des Wahlkampf-Matadors pilgerten 2000 Menschen. In diesem Jahr bemühen sich Künast, ihr Ko-Spitzenkandidat Jürgen Trittin und die beiden Parteichefs Claudia Roth und Cem Özdemir, die Bürger zu überzeugen. Sie sind froh, wenn zu ihren Auftritten ein paar Hundert Zuhörer oder auch nur 100 bis 150 kommen wie in Hildesheim.

Die Umfragedaten aber liefern der Grünen-Spitze zumindest bislang keinen Anlass, sich nach Fischers Popularität zurückzusehnen: Die Demoskopen errechnen für die kleinste Oppositionspartei im Bundestag stabil zweistellige Werte, die deutlich über dem Ergebnis der letzten Wahl (8,1 Prozent) liegen. Freilich ist der Parteiführung bewusst, dass rund die Hälfte ihrer Umfragestimmen von rot- grünen Wechselwählern kommt.

Längst gibt es keine Frage mehr, wer nach Fischers Abgang das Sagen bei den Grünen hat.

Die Realpolitikerin Künast und der Parteilinke Trittin teilen sich die Macht. Beide pflegen ihre Ansprüche, so dass jeder gemeinsame Auftritt geteilt werden muss – etwa Anfang September beim Wahlkampfauftakt in Kreuzberg und auch diese Woche vor der Bundespressekonferenz, wo Künast und Trittin eine grüne Checkliste für Koalitionsverhandlungen präsentierten. Ein kleiner Parteitag der Grünen soll die 18 Punkte des „Sofortprogramms“ heute in Berlin absegnen.

Doch so begründet die Hoffnungen der Grünen auf Stimmenzuwachs sind, so wacklig sind ihre Argumente, wenn sie die eigenen Machtoptionen nach der Wahl begründen. „Wie wollen Sie’s umsetzen“, ruft in Hildesheim ein älterer Zuhörer nach Künasts Rede: „Dann müssen Sie regieren.“ Die Möglichkeiten für die Grünen seien begrenzt, „weil Sie sich für die CDU nicht öffnen“, hält er der Politikerin vor.

Tatsächlich haben sich die Grünen ihre Optionen eingeschränkt, weil ihr Parteitag schon im Frühjahr eine Jamaika-Koalition mit Union und FDP ausdrücklich ausschloss. Dass es für das Wunschbündnis Rot-Grün nicht reichen wird, scheint klar. Deshalb bleibt den Grünen für den Fall, dass Union und FDP in einer Woche die Mehrheit verfehlen, nur die Ampel- Koalition mit SPD und Liberalen. Dass aber hat Guido Westerwelle unterdessen definitiv ausgeschlossen.

Dennoch verfolgen Grünen-Strategen nun Kommentare, die angesichts der neuen Lage von den Parteien mehr Flexibilität bei der Koalitionsbildung verlangen. Wenn es Schwarz-Gelb nicht schafft, so das Kalkül, wird der öffentliche Druck auf die FDP und die eigene Partei wachsen, sich neuen Optionen nicht länger zu verschließen. Aber eine Regierung mit Union und FDP ist der Alptraum der grünen Basis, die schon gequält aufstöhnt, wenn ein Redner den Namen Westerwelle ausspricht. „Es geht kein Dampfer nach Jamaika“, versichert Trittin deshalb, will aber nach der Wahl auch Sondierungsgespräche mit der Union.

„Es reicht nicht, sich nur grüne Punkte ins Gesicht zu malen“, hat Künast in der Fußgängerzone von Hildesheim noch gesagt: „Man muss auch den Mut haben, das umzusetzen.“ Womöglich steht nach der Wahl der Test an, ob der Satz auch für den Mut der Grünen gilt, selbst neue Wege zu gehen.

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