Politik : Grüne Männer in Torschlusspanik

Andreas Böhme

Wer glaubt, der Landesparteitag der Grünen am Wochenende in Freiburg verliere durch die Neuauflage an Spannung, der irrt. Im konservativ regierten Südwesten sind gute Polit-Jobs rar, entsprechend heftig ist das Hauen und Stechen um die aussichtsreichen Listenplätze zur Bundestagswahl. Nur sieben sind es - vorausgesetzt, die Grünen erreichen in Baden-Württemberg überhaupt wieder 9,2 Prozent.

Intrigiert wurde schon vor dem ersten, wegen eines Zählfehlers abgebrochenen Parteitag im Februar, aber die jüngste Aktion des Haushaltsexperten Oswald Metzger macht Freund wie Feind kopfschütteln: Metzger plant überraschend eine Kampfkandidatur gegen den an zweiter Stelle gesetzten Parteichef Fritz Kuhn. "Da gehört Mut dazu", lobt sich der Oberschwabe selbst. Ein Platz dürfe nicht deshalb sakrosankt sein, nur weil er vom Parteivorsitzenden reklamiert wird. Angeblich reift der Plan schon länger. Am vergangenen Samstag bei einem Realo-Treffen hat Metzger seinen Parteifreunden aber vorsichtshalber noch nichts davon verraten. Die reagieren nun umso überraschter. Der Landesvorsitzende Andreas Braun urteilt knapp über Metzgers Vorpreschen: "Torschlusspanik".

Vier sichere Listenplätze sind Frauen vorbehalten, um die verbleibenden drei für die Männer rangelt deshalb viel Prominenz: Fritz Kuhn, Fraktionschef Rezzo Schlauch, Metzger und der türkischstämmige Innenpolitiker Cem Özdemir. Sowie Winfried Hermann, einst selbst grüner Landesvorsitzender. Seit seiner Opposition gegen den Afghanistan-Einsatz allerdings gilt er nun als linker Fundi - und damit wenig unter all den Superrealos aus Baden-Württemberg. Hermann tritt gegen den auf Rang vier gesetzten Schlauch an - wird aber vermutlich ebenso verlieren wie zuvor Metzger gegen Kuhn bei Rang zwei. Die Folge: drei Kandidaten bewerben sich für Platz sechs. Zwischen Metzger und Özdemir (der dies bestreitet) gibt es wohl eine stillschweigende Absprache, nach der nur der Stimmstärkere in den zweiten Wahlgang geht. So wollen die Realos Hermanns aussichtsreiche Platzierung blockieren. Fraglich, ob die Kungelei klappt. Vermutlich strafen die Delegierten Metzgers Schaukampf gegen Kuhn ab. Dann kommt es zum Duell Özdemir-Hermann. Beiden ist Selbstdarstellung nicht fremd, Özdemir wird nicht zuletzt deshalb bundesweite Bekanntheit bescheinigt. Hermann indes gilt als solider Fachmann für Umweltfragen und hat als einziger einen detaillierten Arbeitsbericht vorgelegt. Verlöre der in Tübingen gegen Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) antretende Pazifist den sicheren Listenplatz, käme den Südwest-Grünen auch die parlamentarische Repräsentanz einer ihrer Grundströmungen abhanden.

Bei den Frauen geht es weniger zickig, dafür farblos zu. Platz eins steht unangefochten für die Staatssekretärin Uschi Eid aus dem Entwicklungshilfeministerium bereit. Erst ab Rang drei beginnen die Flügelkämpfe zwischen bundespolitisch unbekannten Gesichtern wie der Ex-Landtagsabgeordneten Birgitt Bender und einer dem alternativen Landleben zugeneigten linken Kunsterzieherin. Bender hatte, kurz bevor der Parteikonvent damals abgebrochen wurde, das Rennen klar für sich entschieden.

Als Lichtblick gilt die Freiburgerin Kerstin Andreae; sie kämpft um Platz fünf. Ihre Wahl wäre ein mehrfaches Integrationssignal: Dafür, dass nicht ausschließlich aufgestellt wird, wer bereits Abgeordneter ist; dafür, dass auch der Nachwuchs nicht zu kurz kommt. Andreae ist mit 33 Jahren die jüngste Bewerberin um einen aussichtsreichen Platz. Und es wäre ein Signal, dass auch der Chancen hat, wer keinem Flügel angehört.

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