• Grüne raus aus der Koalition oder Deutschland raus aus der Kernenergie - ein Ausstieg kommt bestimmt (Leitartikel)

Politik : Grüne raus aus der Koalition oder Deutschland raus aus der Kernenergie - ein Ausstieg kommt bestimmt (Leitartikel)

Bernd Ulrich

Können die Grünen in der Koalition bleiben, wenn der Atomausstieg nicht kommt? Hier die Antwort

Vor zwanzig Jahren reiste ein Mann durch den Südwesten der Bundesrepublik. Er traf Bauern, Vogelschützer, Idealisten aller Art. Der Mann, ein vielgerühmter Linker, wollte wissen, ob man als guter Sozialist mit dieser grünen Bewegung ein Bündnis eingehen kann. Oder ob die doch so reaktionär sind, wie es Bauern und Romantiker nach marxistischer Lesart an sich haben. Nach längerer Prüfung stellte er fest, dass diese Leute zwar dann und wann rückschrittliche Gedanken äußern, dass sie sich aber im Kampf gegen Atomkraftwerke radikalisiert hatten. Zum Schluss verlieh Rudi Dutschke der grünen Bewegung seinen Gütestempel: emanzipatorisch.

Wenn es in der SPD irgendjemanden geben sollte, der sich zurzeit fragt, ob die Grünen ohne einen Erfolg beim Atomausstieg in der Koalition bleiben können - diese kurze Geschichte vom roten Rudi bei der Feldforschung enthält die Antwort. Sie lautet: nein.

Im Kampf gegen Atomkraftwerke haben sich die Milieus, Umweltschützer und Bauern auf der einen Seite, 68er und Linksradikale auf der anderen, vereinigt. Diese Kernschmelze hat eine grüne Partei überhaupt erst möglich gemacht; die Friedensbewegung kam erst danach. Darum war es den Grünen möglich, sich vom Pazifismus zu verabschieden: Bei ihm handelt es sich um ein Heiligtum zweiter Ordnung. Jetzt aber, beim Atomausstieg, geht es um den Gründungsmythos.

Sicher, die Grünen haben im letzten Jahr für das Mitregieren vieles hingenommen, den Krieg im Kosovo, den Panzer in die Türkei, den halbierten Doppelpass und mehr. Warum sollten sie den Verzicht auf den Atomausstieg nicht auch noch hinnehmen, machtbesessen wie sie sind? Es ist umgekehrt: Gerade weil die Partei sich schon so oft selbst verleugnet hat, kann sie sich bei der Atomkraft nicht mit nichts zufrieden geben.

Kommt hier nichts Fassbares heraus, stellt das den Existenzgrund der Partei in Frage. Bei der Atomkraft geht es nicht um Macht allein - hier geht es um Biografien, darum, ob viele tausend politische Leben einen Sinn gehabt haben. Oder nicht. Das ist selbstverständlich keine Politik mehr, das ist etwas viel tiefer Gehendes: Psychologie. Lieber wollen die Grünen, dass alles vorbei ist, als dass alles falsch war.

Mit dem Ausstieg aus dem Ausstieg, das sollte die SPD wissen, ist Rot-Grün am Ende. Wenn Gerhard Schröder die Grünen loswerden will - das ist der leichteste Weg. Wenn nicht, dann bleibt die Frage, was die grünen Chefs der grünen Basis äußerstenfalls noch als Erfolg verkaufen könnten. Aber auch in diesem Punkt sollte sich der Kanzler keinen Illusionen hingeben. Denn wieder geht es um grüne Biografien: Die meisten grünen Gründer sind über fünfzig Jahre alt. Bevor sie richtig alt sind, wollen sie noch einen Erfolg sehen: "Schau, mein Sohn, da vorn, das ist das Atomkraftwerk Obrigheim. Das wird dieses Jahr abgeschaltet. Dafür hat sich dein Vater damals in Wyhl und Brockdorf verprügeln lassen. Und es hat sich gelohnt."

Das mag alles sentimental sein. Man kann auch finden, dass wir uns derlei Nostalgie-Trips nicht mehr leisten können. Aber erstens kommen zu dem Gefühl noch ein paar gute Argumente gegen die Atomkraft hinzu. Zweitens zeugt das Festhalten an alten, amortisierten und nicht mehr sehr sicheren Atomkraftwerken wie denen in Obrigheim oder Stade auch nicht nur von betriebswirtschaftlichem Kalkül, also von reiner Vernunft. Bei den Betreibern hat sich ein gewisser Trotz eingeschlichen - sie wollen nach all den Jahrzehnten Kleinkrieg den AKW-Nein-Danke-Menschen keinen Sieg gönnen. Lieber lassen sie Stade laufen, bis es aus allen Ritzen dampft.

Drittens können auch Gefühle zu harten politischen Tatsachen werden. Ganz besonders dann, wenn diese Gefühle bei einer Bundestagswahl 6,7 Prozent der Stimmen bekommen haben und wenn man mit diesen Gefühlen eine rot-grüne Koalition eingegangen ist.

Heute demonstrieren in Berlin emanzipatorische Bauern gegen die Atomkraft. Viele werden es nicht sein. Aber es wird die grüne Seele sein.

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