Politik : Grünen-Parteitag: Der Regierung voranlaufen

Matthias Meisner

Claudia Roth kann ihre Aufregung nicht verbergen. Das Manuskript für ihre Rede in der Hand, läuft sie, wenige Minuten vor dem großen Auftritt, neben dem Podium in der Halle 4 des Stuttgarter Messegeländes hin und her. "Ich sterbe tausend Tode", sagt sie. Obwohl nichts mehr schiefgehen kann? Nein, das zu wissen helfe nicht. "Es nützt nichts, null komma null."

Es ist keine gespielte Aufregung, die Roth am Freitagabend zeigt, kurz bevor sie sich von den 750 Delegierten des Bundesparteitages zur neuen Vorsitzenden wählen lässt. Schon den ganzen Tag wirkte sie hektisch, gewiss auch freudig erregt. Gegenkandidaten hat die engagierte Linke, die sich "mit grün-rothen Grüßen" für das Amt der Parteichefin als Nachfolgerin von Renate Künast bewarb, nicht. Die Prominenz des linken wie des realpolitischen Flügels haben die Kandidatur unterstützt. "Meine Claudia", sagt Fritz Kuhn, der Realo in der Parteispitze - und ruft die Delegierten auf, ihr ein "saugutes Ergebnis" zu bescheren. "Wir wollen und werden eine gute Doppelspitze machen."

Und doch soll diese Abstimmung nicht als Routine erscheinen. Tagelang hat Claudia Roth am Text ihrer Bewerbungsrede gefeilt.

Es wird eine engagierte, eine leidenschaftliche Rede, mit der die Frau aus Bayerisch Schwaben für sich wirbt. In der sie erklärt, dass es mit dem Regieren allein nicht genug sein könne, dass Hoffnungen und Visionen auf jeden Fall erhalten bleiben müssen. Alles andere "wäre nicht Pragmatismus, das wäre Dummheit." Über den Regierungsalltag hinausdenken, das sei die Aufgabe der Parteiführung. Wie ein Pfadfinder müsse die Partei der Regierung voranlaufen, neue Ziele weisen. "Dafür kandidiere ich."

Ob Joschka Fischer, dem heimlichen Vorsitzenden der Grünen, die Kandidatur in diesem Moment noch geheuer ist? Der Außenminister hat Claudia Roth zur Bewerbung ermuntert. Noch Anfang Januar in der Sitzung des Parteirates, in der Renate Künast ihren Wechsel an die Spitze des neuen Verbraucher- und Landwirtschaftsministeriums begründete, lächelte Fischer die Menschenrechtspolitikerin auffordernd an. Tage später wurde die Kandidatur am Rande des Klausur der Grünen-Bundestagsfraktion perfekt gemacht. Jetzt, während der Rede von Roth in der Stuttgarter Messehalle, sitzt Fischer auf dem Podium. Er schaut zuweilen skeptisch, applaudiert nur wenig. Das US-amerikanische Bombardement des Irak sei "kein Mittel", um den Diktator Saddam Hussein zu überwinden, ruft sie in den Saal - und distanziert sich so vom Außenminister, der vor wenigen Tagen die Angriffe noch verteidigt hatte.

Doch die allermeisten Delegierten sind begeistert, eben weil Claudia Roth nicht bequem sein wird. Weil sie die "Schlammschlacht" der Opposition in der Debatte um 1968 verurteilt, nun der CDU ein "verzerrtes Verhältnis zur Demokratie" und "Heuchelei in Reinkultur" vorwirft. Leidenschaft vermag die neue Vorsitzende zu zeigen. Integrativ will sie nach innen wirken, die Gesamtpartei nach außen profilieren. Es gibt stehende Ovationen noch vor der Stimmabgabe - und schließlich 91,5 Prozent der Delegiertenstimmen für die gebürtige Ulmerin. Das sind deutlich mehr als damals im Juni vergangenen Jahres auf dem Parteitag in Münster für Renate Künast und Fritz Kuhn.

Während die Stimmen für Roth ausgezählt werden, gibt Künast zu, mit Wehmut aus dem Amt zu scheiden. Und Claudia Roth nutzt diese spannenden Minuten, um mit ihrem Neffen Maxl quer durch die Halle zu laufen. Schließlich findet sie ihre Mutter, umarmt sie herzlich. Bevor sie die Geschäfte aufnimmt - mit Herz und Verstand.

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