Politik : Grünen-Parteitag in Münster: Erwachsen werden (Glosse)

Thomas Kröter

Die FDP ist in - die Grünen sind out. Wer hätte vor einem halben Jahr vorauszusagen gewagt, dass sich die öffentliche Meinung so entwickelt. Sicher, das frische Grüne changiert schon seit einiger Zeit ins Graue. Sicher, Publizisten unken schon länger, die Partei drohe zum Generationsprojekt mit alsbaldigem Verfallsdatum zu verkümmern. Aber zum mächtigen Donnern wurde das Totenglöcklein für die Grünen erst mit der Wiederbelebung der Liberalen aus dem Geiste Möllemanns in NRW.

Apropos Totenglöcklein! Jürgen und seine Freunde im FDP-Container kennen den Klang. Seit Rudolf Augstein das hübsche Bild vor Jahren prägte, war es ihr treuester Begleiter. Die Grünen haben noch nicht an so vielen Wahlen teilgenommen, wie die Liberalen schon verloren haben. Wenn also derzeit der wohlfeilste Ratschlag für die Grünen lautet: Von der FDP lernen, heißt siegen lernen - dann könnte das auch zur Zuversicht führen: Totgesagte leben länger!

Aber nur, wenn die Grünen auch wollen. Wer sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen möchte, braucht neben Münchhausens Chuzpe auch dessen Selbstvertrauen und Zuversicht. Daran aber mangelt es den inzwischen wohlparfümierten Schmuddelkindern. Wie das Totenglöcklein zur FDP, gehört zur Geschichte der Grünen die strenge Erziehung durch Publizistik und politische Konkurrenz. Die hat ihnen die fundamentalistischen Flausen jahrelang ausgetrieben. Doch erwachsenes Selbstbewusstsein ist nicht dabei herausgekommen. Die Grünen haben kaum noch eigene Maßstäbe, sie schauen bloß noch auf die der anderen.

Gerade ist die Marke Möllemann in Mode: Unverschämtheit, Zeitgeist, Internet. Letzteres nutzen die Grünen nicht weniger als die FDP, unverschämt waren sie auch mal, vom Surfen auf der Woge des Zeitgeistes ganz zu schweigen. Auf ihrem Parteitag in Münster wollen sie nun den Anschluss wieder schaffen - mit zwei pfiffigen neuen Führungsfiguren, mit ihrem Genschman in seinem ersten Parteiamt. Der gemächliche Atomausstieg wird die Jugend der Partei endgültig zur Anekdote machen; sachpolitisch hat ihre Bundestagsfraktion längst erwachsene Konzepte, mindestens so auf der Höhe der Zeit wie die FDP. Nur dies muss sie noch: an sich glauben. Und außer von Möllemann von Oskar Lafontaine lernen: Nur wer sich selbst begeistert, kann auch andere begeistern.

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