Politik : Grüß Gott, deutscher Osten

Robert von Rimscha

Die erste Reise als Kandidat in die Ex-DDR - so einfach war es. Und so schwierig. Edmund Stoiber in Neubrandenburg, wo die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe ist: Eine flüchtige Begegnung. Wobei der deutsche Osten beides bereit hält, Tristesse und Trost. Den einen geht es gut. OMF Aircraft ist solch ein Unternehmen. Der Flugzeugbauer hat seine fast neue Produktionshalle direkt neben dem kleinen Flughafen. Stoiber steht unter der Tragfläche des Modells "OMF-100-160", Verkaufsname: "Symphony", und mahnt den Osten, doch selbstständig zu werden.

Wo Gerhard Schröder, der OMF auch einmal besucht hat, einen Aufhänger für einen Witz oder zumindest für eine flapsige Bemerkung suchen würde, forscht Stoiber nach einem Stichwort für seine Lieblingsantwort: Zahlen. "Lassen Sie mich erst einmal die Fakten nennen", sagt er. 7,3 Prozent der Mecklenburger sind ihr eigener Herr, 10,2 Prozent der Westdeutschen, 11,7 Prozent der Bayern.

Den anderen geht es schlecht. Tollense Fahrzeug- und Anlagebau beispielsweise. Die Insolvenzverwalterin schildert Stoiber die aussichtslose Lage. Dann fragt der Betriebsratschef den Kandidaten, ob der Osten nicht neue Investitionsförderprogramme brauche. Stoiber windet sich ein bisschen, doch dann sagt er ziemlich deutlich: "Der entscheidende Punkt ist nicht eine neue Investitionsförderung, sondern eine bessere Eigenkapitaldecke." Nur Wachstum schaffe Arbeit, und die Politik sei "nicht in der Lage, unternehmerisches Handeln zu ersetzen". Dann fällt Stoiber der Niedriglohnsektor ein, aber den will er den gebeutelten Tollense-Arbeitern nun doch nicht servieren. "Das betrifft natürlich nicht dieses Unternehmen", versichert er.

Ist die bayerische Prägung Stoibers in Ostdeutschland ein Problem? "Nein, das glaube ich nicht", meint der Monteur Uwe Rapphahn. Als er mit seinen Kollegen hinter verschlossenen Türen eine gute halbe Stunde lang mit Stoiber diskutieren darf, werden zwei Themen nicht angesprochen: Bayern und Merkel. Die Fragen beziehen sich alle nur auf eines: die ostdeutsche Wirtschaftslage. Und was hat Stoiber da zu bieten? Erstens: Erfahrung. "Ich komme aus einem Land, das auch einen längeren Weg zurückgelegt hat", sagt er. Jetzt wolle er sich so für Deutschland einsetzen, wie er dies bislang für Bayern tat. "Die Erfahrungen, die man beim Aufbau eines Landes gemacht hat, kann man einbringen", bietet der Kandidat sich an.

Zweitens: Notwendigkeit. "Wenn es uns nicht gelingt, den Abstand des Ostens zum Westen zu verringern, werden wir den letzten Platz in der Euro-Liga nicht verlassen können", sagt Stoiber. Auch dieses Motiv wiederholt und variiert er mehrfach. Einmal sagt er: Wenn es im Osten nicht bergauf gehe, dann "zieht uns das den ganzen Laden runter". Drittens: Der Kampf für den kleinen Mann. "Keine müde Mark an Körperschaftssteuer" zahlten die Großunternehmen, tadelt Stoiber. Schuld sei die verfehlte Steuerreform von Rotgrün. Er trete für den Mittelstand ein, für die Unabhängigen, die Kleinen. Doch er formuliert seine Kritik der ungerechten Gesetzgebung für die Personengesellschaften nicht so, als wäre Wahlkampf. Auf jeden Populismus verzichtet er, auf eingängige Formulierungen auch. Es gibt knappen Höflichkeitsapplaus.

Stoibers neuer Medien-Berater Spreng hatte die Devise ausgegeben, der Kandidat wolle nicht als Besserwessi kommen, sondern als Zuhörer. Stoiber selbst beschreibt seine Reise so: "Ich mache das, was ich ein Leben lang getan habe, zu den Menschen zu gehen, in die Betriebe." Vor dem Werkstor protestiert ein Dutzend Punks. Auf die Frage, was ihnen denn an Stoiber nicht passt, meint einer: "Seine Frisur".

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