Guantanamo: Murat Kurnaz' Geschichte im Kino : "Der Mann im Film, das bin ich"

Murat Kurnaz hätte seine Geschichte an Hollywood verkaufen können. Hat er aber nicht. Er gab sie einem Filmstudenten, denn der wollte die Wahrheit über seine Gefangenschaft in Guantanamo erzählen. Jetzt kommt der Film in die Kinos: "Fünf Jahre meines Lebens".

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Sascha Alexander Gersak als Murat Kurnaz.
Sascha Alexander Gersak als Murat Kurnaz.Foto: Zorro Film

Er sagt, dass er gut einschlafen kann. Keine Albträume, nichts. Er sagt: „Alles ganz normal.“ In der holzgetäfelten Stube eines Stuttgarter Hotels teilt er mit Messer und Gabel vorsichtig ein Forellenfilet. Er spricht ruhig, mit leiser, weicher Stimme. „Mir geht es gut. Ich bin nicht traumatisiert.“ Kaum zu glauben. Murat Kurnaz lächelt.

Fünf Jahre seines Lebens hat Kurnaz im US-Gefangenenlager Guantanamo verbracht. Waterboarding. Isolationshaft in Hitze- und Kältekammern. Schlaf- und Essensentzug. Schläge. Schikane. Sein Glaube führte ihn damals, 2001, wenige Wochen nach den Anschlägen auf das World Trade Center, aus seiner Heimatstadt Bremen in Koranschulen nach Pakistan, wo man ihn festnahm als vermeintlichen Gotteskrieger. Sein Glaube half ihm, Guantanamo zu überstehen, sagt er.

Das Glauben oder Nichtglauben stand schon immer im Mittelpunkt seiner Geschichte. An wen glaubte er? Wer glaubte ihm?

Die deutsche Politik tat es damals nicht. Da war den Amerikanern schon klar: der weiß nichts über die Attentäter des 11. September, der plante nichts. Dieser Türke, der sagt er sei Deutscher, kennt keinen Osama bin Laden.

Die Türkei wollte Kurnaz nicht. Deutschland wollte Kurnaz nicht. So blieb er in Guantanamo – insgesamt 1725 Tage, bis zum August 2006. Als er zurückkehrte nach Bremen, war er abgemagert, trug die Haare lang, den Bart noch länger. Es dauerte, bis er das Image des „Taliban von Bremen“ los wurde, das ihm die Medien verpasst hatten.

Heute denkt niemand, der ihn sieht, an die Taliban. Die blonden Haare sind kurz geschnitten und gegelt, der Bart ist ab, der Oberkörper trainiert und fast so breit wie hoch. Kurnaz ist 31, zum zweiten Mal verheiratet, Vater von zwei Kindern. Er lebt noch immer in Bremen, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser – und ist noch immer gläubig. Wirklich alles ganz normal. Nur die Geschichten, die Kurnaz so freundlich erzählt, die sind nicht normal.

Wie spricht man über etwas, für das es keine Worte gibt? Ein Versuch in Bildern.

Erstickende Schwärze, durchbrochen nur von winzig kleinen, hellen Punkten. Ein Tuch, ein Sack über dem Kopf, ein Atem, der schwer geht und nach Angst klingt. Gefangene in orangefarbenen Overalls, sie knien vor einem Zaun. Man kennt das Bild. Der Mann, unser Mann mit dem Sack über dem Kopf, ist hier einer von ihnen.

Die Kühle eines Verhörraumes, gekachelt, im Boden eine Vorrichtung, um den Gefangenen zu fixieren. Maximales Unwohlsein, er rutscht vom Stuhl, kann die Augen nicht mehr offen halten.

Das Weiß der Isolationszelle, in der sie die Luft abdrehen bis der Mann darin japst, am Boden liegt, die Lippen an winzige Luftlöcher in der Wand drückt; in die Musik schallt. Laut. Dasselbe Lied, immer wieder. Und immer wieder Schläge.

Was Murat Kurnaz erlebt hat, kann kaum jemand nachempfinden. Stefan Schaller, 30 Jahre alt, wollte es versuchen. Er machte die Geschichte von Murat Kurnaz zum Teil seiner eigenen. „5 Jahre Leben“ heißt sein Film, der an diesem Mittwochabend in Berlin Premiere feiert und am Donnerstag in den Kinos startet. Deswegen sitzt Kurnaz an diesem Nachmittag, Anfang Mai, in Stuttgart und beantwortet Fragen. Seit Wochen reist er immer an, wenn das Filmteam die Presse zur Vorführung lädt. Ehrensache. Seine Sache. Und ein bisschen macht er das auch für Stefan Schaller.

Als Murat Kurnaz, damals 19 Jahre alt, darüber nachzudenken begann, sein Bremer Leben als Türsteher im Disko- und Drogenmilieu einzutauschen gegen eine Ehe mit einer gläubigen Muslimin, als er also beschloss, zum Studium des Islam nach Pakistan zu reisen, machte Stefan Schaller in München gerade sein Abitur – und eine Erfahrung, die an sich nicht einzigartig ist: „Du bist im Abijahr, kommst nach Hause und siehst die Türme des World Trade Center einstürzen. Du fragst dich: Wie möchte ich leben? Wie wollen wir als Gemeinschaft leben?“

Schaller fühlte die Beklemmung, das Entsetzen. Wie viele hörte auch er von dem jungen Mann aus Bremen – ein deutscher Terrorhelfer? Nur: Stefan Schaller vergaß ihn nicht. Er begann, an der Filmakademie Baden-Württemberg zu studieren und fand immer mal wieder Nachrichten über Kurnaz. „Ich dachte: Hallo? Der sitzt da immer noch.“

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