Guantánamo : US-Regierung gerät wegen Selbstmorden unter Druck

Nach drei angeblichen Selbstmorden im Gefangenenlager in Guantánamo Bay wächst die Kritik an der US-Regierung. Während Saudi-Arabien Zweifel an der Selbstmordtheorie äußert, zeigt sich Präsident Bush "ernsthaft besorgt".

Miami - Drei Insassen des umstrittenen US-Gefangenenlagers Guantánamo auf Kuba haben sich nach Angaben des US-Militärs das Leben genommen. Zwei Saudi-Araber und ein Jemenit seien erhängt in ihren Zellen gefunden worden, teilte Lagerkommandant Harry Harris am Samstag (Ortszeit) mit. Er sprach von einem "Akt der Kriegsführung" der Gefangenen, die weder ihr eigenes Leben respektierten noch das anderer. US-Präsident George W. Bush äußerte sich "ernsthaft besorgt" über den Vorfall. Er erklärte, die Leichen müssten mit Respekt und gemäß der Kultur der Verstorbenen behandelt werden. Die britische Regierung sprach von einem "traurigen Vorfall".

"Sie sind gerissen, sie sind kreativ, sie sind entschlossen", sagte Konteradmiral Harris über die Gefangenen. Er glaube nicht, dass die Selbstmorde ein Akt der Verzweiflung gewesen seien, "vielmehr ein Akt der Kriegsführung gegen uns". Die drei Männer hätten sich mit Kleidungsstücken und Bettlaken erhängt. Alle Versuche zur Wiederbelebung seien gescheitert.

Bislang 41 Selbstmordversuche im Lager

Laut General John Craddock, Kommandeur des US-Südkommandos mit Sitz in Miami, handelte es sich um die ersten Todesfälle seit Nutzung des Lagers als Gefängnis im Januar 2002. Amtlichen US-Angaben zufolge gab es in dem Lager bislang 41 Selbstmordversuche unter den Häftlingen. Vor einer Woche befanden sich demnach noch 18 Gefangene im Hungerstreik, nachdem deren Zahl Anfang Juni zwischenzeitlich auf 89 gestiegen war.

Dem Zentrum für Verfassungsrechte (CCR) in New York war zunächst nicht bekannt, ob es sich bei den drei Toten um Mandanten seiner Anwälte handelte, die sich um mehr als 200 Inhaftierte in Guantánamo kümmern. Das Zentrum sprach vom letzten Vorfall "in einer langen Reihe von Verzweiflungstaten".

UNO fordert zur Schließung auf

Die UNO, mehrere europäische Regierungen sowie Menschenrechtsorganisationen haben die US-Regierung bereits mehrfach zur Schließung des Lagers aufgefordert. Viele der derzeit etwa 460 Häftlinge sind bereits seit mehr als vier Jahren in dem Lager; nur gegen zehn von ihnen wurde bislang Anklage erhoben. Die US-Regierung hatte das Lager im Zuge des Anti-Terror-Kampfes nach den Anschlägen vom 11. September eingerichtet. Sie wirft den meisten Häftlingen vor, Mitglieder des El-Kaida-Netzwerks von Osama bin Laden oder der afghanischen Taliban-Miliz zu sein - und verweigert den Inhaftierten den Status und damit auch die Rechte von Kriegsgefangenen.

Bush hatte am Freitag gesagt, er würde es gerne sehen, wenn das Lager leer wäre. Er verwies auf die in den kommenden Wochen anstehende Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zur Klärung der Frage, ob die von der US-Regierung eingesetzten Sondermilitärgerichte legal sind oder ob die in Guantánamo Inhaftierten vor zivile Gerichte gestellt werden müssen. Ein Sprecher der britischen Regierung sagte, vor einer endgültigen Bewertung des Vorfalls sollte das Ergebnis der Untersuchungen abgewartet werden.

"Taliban-Sprecher": Männer wurden umgebracht

Shafiq Rasul, einer von neun früher in Guantánamo inhaftierten Briten, sagte dem Fernsehsender Sky News, die Nachricht von den drei Todesfällen habe ihn "schockiert"; zugleich habe er aber etwas Derartiges erwartet. Bevor er nach fast dreijähriger Haft 2004 ohne Anklage entlassen worden sei, habe er in dem Lager zahlreiche Selbstmordversuche miterlebt.

Ein selbst ernannter Sprecher der radikalislamischen Taliban sagte AFP am Telefon, er glaube nicht, dass die drei Araber in Guantánamo Selbstmord verübten. Kein Moslem, kein Mudschahedin würde das tun, sagte Mohammad Hanif. Vielmehr hätten die US-Wärter die drei Männer umgebracht.

Saudi-Arabien: Zweifel an der Selbstmordtheorie

Nach den Selbstmorden wird unterdessen in Deutschland der Ruf nach einer Schließung lauter. "Die Vorgänge bestätigen die Zweifel an der Existenzberechtigung des Lagers", sagte SPD-Fraktionschef Peter Struck der "Bild"-Zeitung (Montagausgabe): Die USA sollten Guantánamo schließen und die Gefangenen einem ordnungsgemäßen Gerichtsverfahren überstellen, sagte er.

Die Behörden in Saudi-Arabien haben Zweifel an den US-Berichten über die Selbstmorde Guantánamo. Der Sprecher des Innenministeriums, Generalmajor Mansur al-Turki, äußerte am Sonntag in Riad den Verdacht, die Männer könnten gefoltert worden sein. Das Königreich werde sich bemühen, die sterbliche Überreste der beiden Saudis Jassir al-Sahrani und Manea al-Oteibi für die Beerdigung nach Saudi-Arabien zu bringen, erklärte er. (tso/afp/dpa)

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