Politik : Günstig zu haben

Frauen haben Männer bei der Bildung eingeholt – dennoch verdienen sie immer noch deutlich weniger

Juliane Schäuble

Berlin - Auch wenn es der Gesetzgeber gern anders hätte: Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt immer noch weniger als ihre männlichen Kollegen. Und das, obwohl sie bei der schulischen Bildung die Männer eingeholt haben. Zu diesem Ergebnis kommt der „Frauen-Daten-Report 2005“, den das Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung am Montag in Berlin vorstellte.

Laut WSI haben 2004 mehr junge Frauen zwischen 25 und 30 Jahren (40,6 Prozent) als Männer der gleichen Altersgruppe (37,8 Prozent) ihre Schulausbildung mit dem Abitur abgeschlossen. Auch bei der Anzahl der Hochschulabschlüsse gebe es so gut wie keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern mehr. Erst beim Übergang in die Berufsausbildung vollziehe sich eine Weichenstellung für die spätere schlechte Position der Frauen am Arbeitsmarkt, sagte Anke Thiel vom WSI. Denn Frauen würden eher kultur- und sprachwissenschaftliche Fächer studieren und sich auf Sozial- und Dienstleistungsberufe konzentrieren. „Die aber werden in der Gesellschaft geringer bewertet und bezahlt.“

Daher habe sich die Kluft bei den absoluten Einkommen nicht weiter geschlossen. „Die Bildungserfolge der Frauen können nicht umgesetzt werden“, sagte Thiel. Vollzeit berufstätige Frauen in Westdeutschland verdienten im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer, im Osten zehn Prozent. „Hier geht die Schere sogar wieder auseinander“, so Astrid Ziegler, eine der Autorinnen der Studie. Unter den 25 EU-Ländern wiesen nur Estland und die Slowakei eine größere Einkommenskluft auf.

Positiv sei, dass die Frauenerwerbsquote „unumkehrbar“ steige: 66 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren seien im letzten Jahr beschäftigt oder arbeitslos gemeldet gewesen. Damit liege Deutschland im europaweiten Vergleich an zehnter Stelle. Aber den Beschäftigungszuwachs der Frauen erklärt das WSI damit, dass immer mehr von ihnen Teilzeit arbeiten. So sei die Zahl der vollzeitbeschäftigten Frauen zwischen 1991 und 2004 um 1,6 Millionen gesunken und dafür die der teilzeitbeschäftigten um 1,8 Millionen gestiegen – mit negativen Konsequenzen für die soziale Absicherung von Frauen, warnt die Studie.

Ein „erheblicher Teil“ der Einkommensunterschiede lasse sich nicht durch strukturelle Differenzen erklären, sagte Ziegler, sondern müsse der Diskriminierung zugeschrieben werden – wenn zum Beispiel typische Frauentätigkeiten wie Kindererziehung geringer bewertet würden als männertypische Arbeiten. Helfen würde da eine flächendeckende Kinderbetreuung. Denn Kinder würden Frauen immer noch bei ihrer Karriere behindern: Nur 60 Prozent der Frauen mit Kindern unter zwölf Jahren seien 2003 erwerbstätig gewesen, bei kinderlosen Frauen waren es 79,5 Prozent. Im EU-Durchschnitt arbeiteten 64,5 Prozent der Mütter.

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