Günther Oettinger : Der Schwaben-Maharadscha

Abschied auf Raten: Heute gibt der Stuttgarter Regierungschef Günther Oettinger den CDU-Landesvorsitz ab. Zuvor war er in Indien.

Roland Muschel[Bombay]
PK Ministerpräsident Günther Oettinger
Brüssel ruft, Oettinger hört hin.Foto: dpa

Eine Gruppe westlicher Besucher in dunklen Anzügen und weißen Hemden, die sich vor Neu-Delhis Wahrzeichen, dem kirchturmhohen Gate of India, fotografieren lässt, hat den Geschäftssinn der kleinen Rohini erweckt. Die Zwölfjährige nähert sich der Gruppe, um Bilder zu verkaufen. Ein Mann kommt auf sie zu, stellt sich als „Günther“ vor und sagt, er komme aus Baden-Württemberg, einem Land nordwestlich von Indien. Rohini, bunte Kleider mit Löchern am Leib und Resten von Henna unter den Fingernägeln, fragt kess zurück: „Bist du ein deutscher Maharadscha?“ Der Mann schmunzelt, antwortet: „Ein kleiner Maharadscha.“

Aus Sicht des Riesenreichs Indien mit seinen mehr als eine Milliarde Einwohnern ist der Regierungschef von knapp elf Millionen Baden-Württembergern tatsächlich nur Provinzfürst. Doch Günther Oettinger, 56, ist auf dem Sprung, EU-Kommissar zu werden, ein richtiger Maharadscha, wenn man so will. Und so liegt über dieser mehrtägigen Visite Indiens mit einer 130 Mitglieder starken Delegation aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft auch ein Hauch von Abschied.

An diesem Freitag, nur wenige Stunden nach der Rückkehr aus Indien, wird Oettinger auf dem Landesparteitag in Friedrichshafen das Amt des CDU-Landesvorsitzenden an Fraktionschef Stefan Mappus, 43, weitergeben, der ihn Anfang 2010 dann auch als Regierungschef beerben soll. Ob er Wehmut empfinde, wird Oettinger gefragt. „Vielleicht am Freitag, wenn ich aus dem Flieger steige.“ Vielleicht hat er für Wehmut gerade auch einfach wenig Zeit. Brüssel, Neu-Delhi, Bangalore, Bombay, Friedrichshafen und Stuttgart heißen die Stationen, die er in dieser Woche ansteuert, und man muss schon, auf gut Schwäbisch gesagt, eine ordentliche Saukuttel haben, um das durchzustehen. Das Programm besteht aus Ministerbesuchen, Firmenbesichtigungen, Empfängen. Begegnungen wie die mit dem Mädchen Rohini, die den Oettinger zeigen, der im kleinen Kreis zu punkten weiß, und nicht den Oettinger, der gestelzte Sätze in die Fernsehkameras spricht, sieht das Protokoll eigentlich gar nicht vor. „Sie ist frech und aufgeweckt und wird ihren Weg gehen“, sagt er über Rohini. In den Worten klingt Wohlwollen mit. Dazu mag beitragen, dass sich Oettinger einst als Landeschef der Jungen Union auch mit frechen Wortmeldungen wie der Rücktrittsforderung an den damaligen Kanzler Helmut Kohl bekannt machte. Da war er noch nicht wichtig genug, als dass ihm die Äußerung hätte schaden können. Nun wägt er jedes Wort ab – vor allem wenn es um seine Zukunft in Brüssel geht.

Einerseits ist er noch Ministerpräsident, andererseits bereitet er sich parallel auf seine Aufgaben in Brüssel vor. Vertraute wissen, wie schwer ihm die Entscheidung für den Wechsel, für die ihm Angela Merkel nur einen Tag Bedenkzeit eingeräumt hat, fällt. Nun muss er in Brüssel Wahlkampf in eigener Sache machen, da er bislang weder gewählt ist, noch der Ressortzuschnitt feststeht.

Trotz enger Terminlage war Oettinger die Reise wichtig. Hier kann er noch einmal die Rolle des Vorstandschefs der von der Krise gebeutelten „Baden-Württemberg AG“ geben, der die Chancen auf dem indischen Markt so schnell erfasst wie die Kennzahlen seiner Mittelständler. Vor einem Jahr wollte er bereits in das Land am Ganges, das im Gegensatz zu Deutschland trotz weltweiter Turbulenzen weiter kräftig boomt. Dann explodierten Bomben in Bombay, 160 Menschen starben. Kurzfristig musste Oettinger die Reise abblasen. Nun hat er es, begleitet von seiner Freundin Friederike Beyer, doch noch als Regierungschef nach Indien geschafft, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Innerhalb der Delegation wird die Berufung zum EU-Kommissar aber eher als geschickter Schachzug von Kanzlerin Merkel gewertet. Sie, so die allgemeine Lesart, habe sich einerseits elegant eines Ministerpräsidenten entledigen wollen, der ihr immer wieder, zuletzt im Wahlkampf mit einem Vorschlag zur Steuererhöhung, in die Quere kam. Vielleicht, so hoffen die ihm Wohlgesinnten, passe das neue Amt besser zu seinen Fähigkeiten. Vielleicht habe er in Brüssel die Chance für einen Neuanfang, der ihm zu Hause nach seiner fatalen Freiburger Trauerrede auf den ehemaligen NS-Marinerichter und späteren Ministerpräsidenten Hans Filbinger nicht gewährt worden sei.

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