Günther Oettinger : Wohnungslos und ohne Konto

Aber kaum in Brüssel, bekommt der neue EU-Kommissar Günther Oettinger schon mehr Einfluss. Sein Englisch will der Schwabe auch noch verbessern.

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Oettinger
In neuem Arbeitsumfeld. Günther Oettinger (r.) im Gespräch mit dem EU-Kommissar für Transportpolitik Antonio Tajani. -Foto: AFP

Die Vorzimmerdame stöhnt: „Hat er schon die finanzielle Erklärung unterschrieben?“, fragt sie die Kollegin, die gleich den Kopf schüttelt. „Nee, er hat doch noch kein Konto hier in Brüssel.“ Es geht alles noch ein wenig provisorisch im Kabinett Oettinger, auch im Büro des neuen EU-Energiekommissars selbst. Karg sieht es aus ohne Bilder, mit einer einzelnen Europafahne hinter dem Schreibtisch und dem Ensemble orangener Plüschohrensessel in der Mitte. Den Geschmack seines Vormieters Günter Verheugen teilt Günther Oettinger jedenfalls nicht: „Meinen Gestaltungsspielraum bei der Inneneinrichtung“, sagt er gleich zu Beginn des Gesprächs, „will ich auf jeden Fall nutzen.“

Der Wechsel von der Villa Reitzenstein, dem Amtssitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten, in den neunten Stock des Berlaymont, dem Zuhause der EU-Kommission, ist politisch wie stilistisch ein Bruch. Beim Blick hinaus sieht Oettinger die anderen beiden Eckpunkte des Brüsseler Machtdreiecks, das Ratsgebäude direkt gegenüber und das Parlament mit seinem markanten tunnelförmigen Glasdach in einigen hundert Meter Entfernung. Wirklich schön kann man das EU-Viertel beim besten Willen nicht nennen. „Andere Hauptstädte sind historisch geprägt, hier ist eben alles sehr funktional“, tröstet sich Oettinger.

Das freilich gilt nicht für das alte Brüssel jenseits des Europaviertels, das er sich schon bald mit dem neu gekauften Stadtplan und ohne den bisherigen Personenschutz im Nacken per U-Bahn und zu Fuß erschließen will. Im EU-Viertel war der Neukommissar auch in seiner alten Funktion oft, als er mit seinen jetzigen Kolleginnen Viviane Reding und Neelie Kroes über die Vereinbarkeit deutscher Rundfunkgebühren mit EU-Recht oder über die Sanierung der angeschlagenen Landesbank Baden-Württemberg verhandelte. Froh, solche Stuttgarter Probleme hinter sich zu lassen, ist Oettinger eigenem Bekunden nach aber nicht: „Ich war ja nicht amtsmüde.“

Neue Probleme geht er selbstbewusst an. Zum Beispiel seine Englischkenntnisse, unlängst auf einem Youtube-Video zu bewundern. Oettinger sagt dazu nur, dass er sich gerade erst mit Frankreichs EU-Botschafter wunderbar auf Englisch unterhalten habe. Mit einem Lehrer werde er jetzt noch mehr üben, über Ostern einen Intensivkurs machen, die Sommerferien in einem englischsprachigen Land verbringen, den Rest werde der Brüsseler Arbeitsalltag leisten: „Als ich einmal acht Tage in den USA war, bin ich am Ende schließlich auch lockerer in Gespräche reingegangen als am Anfang.“

Lockerer dürfte den Schwaben auch machen, dass in der ersten Sitzung der Kommissarsrunde am Mittwoch seine Zuständigkeiten erweitert wurden. Das könnte jene Kritiker verstummen lassen, die behaupten, Oettinger habe nur eine Art Schmalspurressort erhalten, da sich Kanzlerin Angela Merkel bei Kommissionschef José Manuel Barroso nicht für ihn eingesetzt, ihn gar nach Brüssel entsorgt habe. „Das ist abwegig“, erklärt Oettinger ruhig: „Energie gilt als eines der sechs, sieben starken Ressorts, im Gegensatz zu anderen reaktiven Ressorts wie Wettbewerb oder Währung ist es aktiv und gestaltend, und es ist unbestreitbar das aufsteigende Dossier.“

Er meint damit, dass das neue EU-Recht erstmals eine europäische Zuständigkeit formuliert. Und nun kommen noch die Energieforschung und -außenpolitik hinzu. Die entsprechende Arbeitsgruppe aus der Mannschaft von EU-Außenministerin Catherine Ashton wechselt in Oettingers Stab, die zwischen 600 und 700 Beamten starke DG Energy. Wie zum Beweis der neuen Machtfülle berichtet der Ex-Ministerpräsident von den ersten Reiseplänen. Schon bald geht es nach Polen, einem wichtigen Transitland für die Energie aus dem Osten, danach zum Sitz der Gemeinschaft der Ölländer in Wien und nach Moskau. Europas Abhängigkeit von Russlands Gas zu verringern, dürfte Oettingers diplomatisch anspruchsvollste Aufgabe werden.

Eine Wohnung hat er in Brüssel noch nicht. Bis Anfang April nächtigt Oettinger noch im Gästebereich der baden-württembergischen Landesvertretung – zum normalen Preis, den ein Nichtlandesbediensteter, der er nun ist, bezahlen muss.

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