Politik : Guerilla streitet über Waffenstillstand: Mindestens 93 Tote bei Überfällen in Kaschmir

Im indischen Bundesstaat Kaschmir sind bei Angriffen mutmaßlicher Moslemrebellen nach Polizeiangaben binnen weniger Stunden mindestens 93 Menschen getötet worden. Fast alle Opfer seien Hindus. Der schwerste Überfall ereignete sich in der Stadt Pahalgam. Dort habe eine Gruppe Bewaffneter auf einem belebten Markt 33 Menschen erschossen. Der indische Regierungschef Atal Behari Vajpayee machte von Pakistan unterstützte militante Moslemgruppen für die Anschläge verantwortlich. Pakistan wies eine Beteiligung zurück. Indien und Pakistan führten zwei Kriege um Kaschmir. Als Reaktion auf die Angriffe verhängten die Behörden in mehrheitlich von Hindus bewohnten Gebieten eine Ausgangssperre.

Bei dem Überfall auf den Markt in Pahalgam, rund hundert Kilometer südlich von Kaschmirs Sommerhauptstadt Srinagar, starben nach Polizeiangaben vor allem Hindu-Pilger. Der Markt liegt auf der Pilgerroute zur Amarnath-Höhle, einer der Kult-Stätten der Hindus. Kurz nach dem Angriff zogen Gruppen von Hindus durch die Straßen und riefen anti-moslemische und regierungsfeindliche Parolen. Einige Demonstranten warfen Steine auf Regierungsgebäude. Die Polizei schoss in die Luft, um die Menge auseinanderzutreiben.

In einem abgelegenen Dorf im Doda-Distrikt töteten mutmaßliche Moslemrebellen in der Nacht zum Mittwoch elf schlafende Hindus. Am frühen Mittwochmorgen erschossen maskierte Männer bei einem Angriff auf eine Ziegelfabrik in der Nähe der Stadt Anantnag im Süden Kaschmirs 19 Arbeiter im Schlaf. Zu den Anschlägen bekannte sich zunächst niemand.

In Kaschmir, dem einzigen indischen Bundesstaat mit mehrheitlich moslemischer Bevölkerung, kämpfen mehrere moslemische Rebellenorganisationen für die Loslösung von Indien. Die Gruppe Hizbul Mujahideen hatte vor einer Woche einen einseitigen dreimonatigen Waffenstillstand verkündet und wollte Gespräche mit der Regierung über die Modalitäten eines Waffenstillstands führen. Das Waffenstillstandsangebot der Guerillagruppe war von anderen Rebellenorganisationen in Kaschmir scharf kritisiert worden. Der indische Regierungschef Atal Behari Vajpayee machte die von Pakistan unterstützten "terroristischen Gruppen" für die Anschläge verantwortlich. Zugleich bekräftigte er seinen Willen, den Friedensprozess mit den Hizbul Mujahideen fortzusetzen.

Die moslemische Himalaya-Region Kaschmir ist seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft zwischen Indien und Pakistan umstritten. Die Nachbarstaaten führten bereits zwei ihrer drei Kriege um Kaschmir. Indien kontrolliert die südlichen zwei Drittel des Gebiets; das restliche Drittel im Norden gehört zu Pakistan. Die Angriffe fallen in eine Zeit, in der sich die Regierung in Neu-Delhi nach elf Jahren Untergrundkrieg mit 25 000 Toten auf Friedensgespräche mit der größten Rebellengruppe in Kaschmir vorbereitet. Der indische Innenminister Lal Advani sagte, die Regierung werde an den Verhandlungen der Hezb-ul Mujahedin festhalten. Andere Guerillagruppen seien von diesem Schritt "terrorisiert" worden, sagte er: "Die Terroristen sind nun selbst terrorisiert, weil sie Angst vor der Aussicht haben, dass der Frieden nach Jammu und Kaschmir zurückkehrt."

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