Guinea : Doch kein freundlicher Putschist

Guineas Militärmachthaber will eine Einheitsregierung nach dem Blutbad an der Opposition. Doch der Übergangsfahrplan des Landes ist stark infrage gestellt.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Armeebrutalität hat in Guinea eine lange Tradition: Schon Staatsgründer Sekou Touré, der den Kleinstaat an der Westküste Afrikas vor mehr als 50 Jahren in die überstürzte Unabhängigkeit führte, ließ seine Armee auf unbewaffnete Zivilisten schießen. Auch sein im vergangenen Dezember im Amt verstorbener Nachfolger Lansana Conté konnte sich zuletzt nur noch dadurch im Amt halten, dass er das Kriegsrecht über Guinea verhängte.

Dem Machterhalt diente offenbar auch das Blutbad, das Guineas schießwütige Armee zu Wochenbeginn im Nationalstadion der Hauptstadt Conakry anrichtete: 50 000 Menschen hatten sich dort nach einem Aufruf der Opposition versammelt, um gegen die inzwischen kaum mehr verborgene Absicht von Militärmachthaber Moussa Camara zu protestieren, nach seiner undemokratischen Machtübernahme nun doch im Amt zu bleiben. Dabei sollen mehr als 150 Demonstranten getötet worden sein. Offenbar will Camara bei den ursprünglich für Ende Januar 2010 geplanten Wahlen als Spitzenkandidat einer neu gegründeten Partei antreten. Dabei hatte der 45-Jährige zuvor wiederholt versprochen, dass kein Mitglied der von ihm geführten Militärjunta sich zur Wahl stellen dürfe – er selbst eingeschlossen.

Camara hatte die Macht in Guinea im Dezember 2008 übernommen, unmittelbar nach dem Tod des Despoten Lansana Conté, der das rohstoffreiche Land zuvor 24 Jahre lang ausgeplündert hatte. Doch auch Camara hat inzwischen offenbar Gefallen an der Macht gefunden. Dabei hatte das Volk seinen Putsch zunächst in der Annahme begrüßt, dass er inmitten des Machtvakuums einen geordneten Übergang garantieren würde. Viele sahen in ihm sogar einen Robin Hood, der die Verantwortlichen für den Niedergang des Landes zur Rechenschaft zog. Camaras allabendliche Tiraden im Staatsfernsehen gegen Vertreter des alten Regimes hatten zumindest am Anfang ein weit größeres Publikum als amerikanische Sitcoms. Viele wurden von Camara mit massivem Druck zu Schuldeingeständnissen gezwungen.

Gleichzeitig wurde der frühere Armeesprecher immer selbstherrlicher. Seine zunehmende Unberechenbarkeit dürfte auch erklären, weshalb die Afrikanische Union (AU), die nicht eben für couragiertes Vorgehen gegen Afrikas Diktatoren bekannt ist, Camara kürzlich ein Ultimatum stellte und ihn darin aufrief, bis Mitte Oktober seinen Verzicht auf eine Kandidatur zu bestätigen. Andernfalls, so hieß es, werde die AU Sanktionen gegen Camara und sein Regime verhängen.

Das jüngste Blutbad hat den Übergangsfahrplan des Landes stark infrage gestellt. Camara scheint vom Ausmaß der Proteste und mehr noch der hohen Zahl an Toten selbst überrascht worden zu sein. Die Militärjunta in Conakry hat inzwischen eine Regierung der nationalen Einheit gefordert, wie sie in Afrika zuletzt Mode geworden ist, wo undemokratische Führer ihre Macht künstlich zu sichern versuchen. Zudem hat Camara zwei Tage Staatstrauer verordnet und eine Untersuchung des Blutbades unter Einschluss der Vereinten Nationen zugesagt.

Frankreich hat nun die militärische Zusammenarbeit mit seiner früheren Kolonie eingestellt und alle Hilfe eingefroren. Auch der regionale Wirtschaftsbund Ecowas erwägt Sanktionen. Doch die Militärs in Conakry dürfte das wenig stören. Bereits Camaras Vorgänger Conté fröhnte trotz der gegen ihn verhängten Sanktionen jahrelang einem extravaganten Lebensstil, weil die Machthaber den Rohstoffreichtum des Landes kontrollieren – und dadurch gegenüber Sanktionen weitgehend immun sind. So verfügt Guinea über große Vorkommen an Bauxit, Eisenerz, Zink, Gold und Diamanten. Angeblich befindet sich rund ein Drittel aller Weltreserven an Bauxit, das zur Herstellung von Aluminium benötigt wird, in dem westafrikanischen Staat.

Entsprechend groß ist das Interesse der internationalen Minenfirmen. Eine ganze Reihe von ihnen hatte 2008 während des Rohstoffbooms angekündigt, bis zu zehn Milliarden Dollar in den Bergbau des Landes zu investieren.

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