Politik : Guinea: Korridore als Rettung

Christoph Link

In Guinea zeichnet sich ein Ende des gegenwärtigen Flüchtlingsdramas ab: Für die Hunderttausende, die eingekeilt zwischen den Fronten im Grenzgebiet festsitzen, werden Sicherheitskorridore für die Evakuierung geschaffen. Der neue Hohe UN-Kommissar für Flüchtlinge, Ruud Lubbers, hatte diese Lösung vorgeschlagen, die Regierung Guineas willigte Anfang der Woche ein. Soldaten der westafrikanischen Eingreiftruppe Ecomog sollen die Korridore schützen.

Grafik: Flüchtlingsströme in Westafrika

Das Flüchtlingsproblem ist die Folge eines Kleinkriegs zwischen der guineischen Regierungsarmee und Rebellen aus Liberia und Sierra Leone im Südwesten des Landes. So fiel die Stadt Gueckedou kürzlich in Rebellenhand, Tausende machten sich auf den Weg gen Norden. Am Montag meldete der Präfekt von Gueckedou, dass die Armee Guineas die fast menschenleere Stadt zurückerobert habe. Doch die sanitäre Lage sei prekär, Leichen lägen noch in den Straßen und das Wasser sei verschmutzt. Es werde noch mindestens zehn Tage dauern, bis die Bevölkerung zurückkehren könne. Wegen mangelnder Sicherheit setzte das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) tagelang die Transporte von Flüchtlingen aus. Diese sind auf der Flucht im doppelten Sinne: Seit gut zehn Jahren leben im waldreichen Grenzgebiet Guineas zu Sierra Leone und Liberia rund 200 000 Menschen, die vor dem Krieg in den Nachbarländern geflohen waren. Jetzt erleben sie die zweite Vertreibung. Besonders prekär ist die Lage der rund 140 000 Flüchtlinge, die in einem Gebiet leben, das westlich von Gueckedou wie ein Entenschnabel in das Territorium von Sierra Leone hineinreicht. Diese Menschen sitzen in der Falle.

In Gesprächen in Guineas Hauptstadt Conakry setzte sich Ruud Lubbers, Ex-Premier der Niederlande, ausdrücklich auch für einen Korridor auch in diesen Landzipfel ein. Die Sicherheitsschneisen, so Lubbers, sollten den Flüchtlingen aus Sierra Leone die Möglichkeit geben, sicher nach Conakry zu gelangen, um dann weiter mit dem Schiff nach Freetown zu reisen. Der Holländer Lubbers will jetzt seine diplomatische Mission in Liberia fortsetzen und dort mit Präsident Charles Taylor über das Los der Flüchtlinge beraten. Im Hintergrund stehen die Drohungen der internationalen Gemeinschaft, Liberia wegen seiner Unterstützung der Rebellen in Sierra Leone mit einem Embargo für den Holz- und Diamantenhandel zu strafen.

Guineas Hauptstadt Conakry ist indes zu einem Durchgangslager für bedrohte Flüchtlinge aus dem Süden geworden. Rund 8000 Menschen sind seit Beginn der Krise Mitte Dezember von dort aus nach Freetown verschifft worden. Im Flüchtlingszentrum St.-Marie in Conakry warten derzeit rund 1000 Menschen auf einen Boottransfer ins Heimatland Sierra Leone. Doch dort wird immer wieder die Abfahrt verzögert, beispielsweise, weil gerade die Rettungswesten gestohlen wurden. Mehrere Zelte sind errichtet worden, darunter eins für "Schwangere ab dem achten Monat". Durchfall und Lungenentzündungen seien die häufigsten Krankheiten, berichtet Eric Pitois, der örtliche Leiter von "Ärzte ohne Grenzen". Die Helfer wollen die Flüchtlinge frei entscheiden lassen, ob sie nach Freetown zurückkehren wollen. Denn in Sierra Leone herrscht seit zehn Jahren ein Bürgerkrieg, die soziale Lage ist dort katastrophal.

Seit dem vorigen September ist aber auch die "Flüchtlingshochburg" Guinea, wo fast eine halbe Million Vertriebene leben, kein sicheres Pflaster mehr: Zunächst stachelte Guineas Präsident Lansana Conte die Einheimischen mit einer Rede zur Hatz auf die Flüchtlinge auf. Wochen später entbrannte der Krieg mit den Rebellen im Grenzgebiet und löste erneut eine Fluchtbewegung aus.

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