Politik : Guru und Günstling

Machtkampf in der FDP: Hans-Dietrich Genscher hilft Christian Lindner gegen Parteichef Rösler.

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Berlin - „Die Zeiten werden rauer“, prophezeit dieser Tage der Wirtschaftsminister und meint damit die Konjunktur 2013. Oder meint er doch vielleicht auch ein bisschen sich selbst? Fest steht: Dieser Wirtschaftsminister heißt Philipp Rösler und ist zugleich der glücklose Chef der FDP. Im März 2011 wurde er an die Spitze seiner Partei gehievt wie ein Heilsbringer. Doch bis heute ist es ihm nicht gelungen, die Partei aus dem Umfragekeller herauszuholen. Am 20. Januar wird in Röslers Heimatland Niedersachsen ein neuer Landtag gewählt – und es geht dabei auch um seine Zukunft. Schafft die FDP den Einzug ins Parlament mit gutem Ergebnis, heißt sechs bis sieben Prozent, wird Rösler eine Chance haben, seine Partei in die Bundestagswahl zu führen. Wenn nicht, wird es zu seiner Ablösung beim Parteitag Anfang Mai in Nürnberg kommen.

Hans-Dietrich Genscher ist so etwas wie der Guru der FDP. Mit seinen 85 Jahren trifft er regelmäßig Spitzenliberale und man sagt, er ziehe nach wie vor die Fäden. Jedes Genscher-Wort wird von den Parteistrategen gewogen und gewendet, man richtet sich nach seinen Urteilen. Eines dieser Urteile betrifft den Parteivorsitzenden Rösler. Es fällt eindeutig negativ aus. Genscher, das ist kein Geheimnis, hält Rösler für ein politisches Leichtgewicht, eine glatte Fehlbesetzung an der FDP-Spitze.

Am 14. März 2013, exakt zwischen der Niedersachsen-Wahl und dem wichtigen FDP-Bundesparteitag, wird Genscher der Öffentlichkeit seinen Kandidaten für die Parteispitze empfehlen. Nicht über den Umweg eines Interviews oder eines Zeitungsbeitrages. Auf diese Weise hat der Alte schon oft darauf hingewiesen, dass er Rösler gern ablösen würde und den 33 Jahre alten Chef des mächtigen nordrhein-westfälischen Landesverbandes, Christian Lindner, für den wahren liberalen Zukunftsengel hält.

Jetzt wird Genscher konkreter. Zwischen zwei Buchdeckel gepresst hält der Alt-Liberale Genscher seine Laudatio auf den Urenkel. „Geschichte und Zukunft“ lautet der Untertitel des Gesprächsbandes, der am 14. März bei Hoffmann und Campe erscheinen soll. Geistreiche Gespräche des Altmeisters Genscher mit dem Hoffnungsträger Lindner über Politik, Werte und Pläne. Kein Zweifel: Dieses Buch „Zwei Generationen – Eine Leidenschaft“ ist so sehr Genschers Personal-Empfehlung an seine Partei wie sie Lindners Bewerbung um das höchste Amt ist. Nicht zwangsläufig sofort, aber auf jeden Fall nach der Bundestagswahl will Lindner FDP-Chef werden. Und wer sich ihm in den Weg stellen wollte, der muss ab März an Genscher vorbei. So viel Freiheit nimmt sich in dieser FDP ganz bestimmt niemand heraus.

Und Rösler? Er hat in all die kleinen und größeren Unverschämtheiten seiner Parteifreunde ertragen und wird wohl auch diesen persönlichen Angriff in Buchform hinnehmen und einfach weggrinsen. Er ist halt, wie er ist. Einstweilen darf man gespannt auf sein Buchprojekt warten. „Wie man im FDP-Präsidium einen Frosch abkocht“ könnte es heißen und von seiner Zeit an der Parteispitze handeln. Antje Sirleschtov

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