Politik : Gusmaos Ruhm in Osttimor ist verblasst

Moritz Kleine-Brockhoff

Jakarta - Beim Amtseid trägt er mal kein offenes Hemd sondern Anzug und Krawatte. „Ich werde all meine Energie darauf verwenden, die Unabhängigkeit zu verteidigen und die nationale Einheit zu konsolidieren“, sagt Jose Alexandre Gusmao, genannt Xanana, der neue Premier von Osttimor, Asiens ärmstem Staat. Am Mittwoch ist der 61-Jährige in den kolonialen Regierungsbau an der Promenade der Hafenstadt Dili eingezogen. Die Amtseinführung war von Gewaltakten überschattet. Politische Gegner setzten mindestens 14 Gebäude in Brand.

Nach langer Fremdbestimmung – Portugal, Japan und Indonesien herrschten brutal – war Osttimor 2002 unabhängig geworden. Xanana hatte dafür gekämpft. Als Rebellenanführer mit Waffen und später friedlich als „Vater der Nation“. Bei der Staatsgründung 2002 wollten 83 Prozent der Osttimoresen, dass Xanana ihr erster Präsident wird. Er blieb fünf Jahre lang Staatschef – ohne die Möglichkeit, Politik zu gestalten. Osttimors Präsident hat so wenig Befugnis wie Deutschlands Bundespräsident. „Das ist gut, regieren wäre mir zu anstrengend“, sagte Xanana damals. Und dann musste er zusehen, wie die Regierung wenig gegen Arbeitslosigkeit und Armut tat, wie Minister trotz bescheidener Gehälter reich wurden, sicherlich, so glaubt Xanana, durch Korruption. Er gründete eine Partei: „Mit mir als Premier kommt Hoffnung auf Wandel, ich werde mich bemühen, alles zu verbessern.“

Kettenraucher Xanana ist auch Fotograf, Dichter, Maler und Vater von fünf Kindern. Drei stammen aus zweiter Ehe mit einer Australierin, die Familie lebt an einem Berghang südlich von Dili. Unter anderem hier oben hatte sich Xanana früher als Rebell versteckt, 17 Jahre lang, zu der Zeit, als Nachbar Indonesien Besatzungsmacht war. Xanana wurde 1992 gefasst, es folgten sieben Gefängnisjahre. Kampf, Leiden, Leidenschaft und Charisma machten ihn zur lebenden Ikone.

Als die Indonesier 1999 abzogen, kam Xanana frei und führte sein Land zur Unabhängigkeit. Heute ist er kein Held mehr. Viele Osttimoresen verübeln ihm, dass er nicht für bessere Lebensverhältnisse sorgte. Als Präsident war es Xanana nicht gelungen, Frieden zu bewahren. 2006 verweigerten unzufriedene Soldaten ihm den Befehl, sie desertierten und lösten Unruhen aus. Xanana verschärfte die Lage mit einer unglücklichen Rede.

Xanana macht immer einen ehrlichen Eindruck, und wenn ihn Emotionen überkommen, dann weint er, auch in der Öffentlichkeit. Wahlsieger wurden im Juni mit 29 Prozent seine Gegner von der Fretilin-Partei. Xanana ist nur Premier, weil er Koalitionspartner fand und die stärkere Partei, die marxistisch geprägte Fretilin, nicht.Moritz Kleine-Brockhoff

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