• „Gut Ausgebildete müssen zurückkehren wollen“ Christian Schwarz-Schilling über einen schwierigen Frieden und den Wiederaufbau Bosnien-Herzegowinas

Politik : „Gut Ausgebildete müssen zurückkehren wollen“ Christian Schwarz-Schilling über einen schwierigen Frieden und den Wiederaufbau Bosnien-Herzegowinas

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Herr Schwarz-Schilling, als Streitschlichter im Auftrag der Internationalen Gemeinschaft haben Sie an mehr als 180 Orten Bosnien-Herzegowinas dafür gesorgt, dass bitterer Zwist zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten beigelegt wurde. Was ist das Geheimnis des Friedenstiftens?

Vertrauen kommt nie von allein. Es ist ein Prozess. Er beginnt damit, dass erst mal alle Parteien mir, dem Vermittler vertrauen müssen. Dabei kann es oft hilfreich sein, zuerst mit jeder Partei einzeln zu sprechen. Hat man den Vertrauensprozess in Gang gesetzt, müssen möglichst bald alle an einen Tisch. Man darf nicht zögern, keine Zeit verlieren.

Warum dauert der Versöhnungsprozess in Ex-Jugoslawien so lange?

Er dauert überhaupt nicht lange, historisch gesehen. Er schreitet im Gegenteil sehr rapide voran. Bedenken Sie, wie weit der Weg zur Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich war, seit dem Krieg von 1871. Oder erinnern Sie sich an den Glaubenskrieg in Europa: 1618 bis 1648 dauerte der Dreißigjährige Krieg, doch wirklicher, sozialer Frieden zwischen Katholiken und Protestanten kam bei uns eigentlich erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zustande.

Wie wichtig sind demokratische Institutionen und eine unabhängige Justiz?

Sie sind zentral. Wir in Deutschland hatten das Glück, dass die Alliierten uns nach 1945 viele Aufgaben abgenommen haben, vor allem bei der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen. In Bosnien hatte die Internationale Gemeinschaft eine solche Rolle beim Wiederaufbau. Dort brauchte der Internationale Verwalter zunächst die sogenannten „Bonn Powers“, besondere Befugnisse, mit denen man zum Beispiel Polizeikommandanten oder Bürgermeister ihres Amtes entheben konnte, etwa wenn sich zeigte, dass sie an Kriegsverbrechen beteiligt waren.

Sie wünschen sich aber heute mehr Eigenverantwortung der Bosnier?

Ja. Leider hat man in Bosnien gleich zu Beginn, ab 1995, 1996, nicht genügend Gebrauch von den Bonn-Powers gemacht, sondern erst mal die Vorgänge zu sehr sich selbst überlassen. Dann wurde sehr hart durchgegriffen, was zunächst sinnvoll war, besonders, wo es um Kriegsverbrecher ging. In den vergangenen beiden Jahren war ich nicht einverstanden damit, dass die Bonn-Powers auch da angewendet wurden, wo es lediglich um administrative Fehler ging oder um Korruption. In solchen Fällen sollte man den Bosniern selbst die Chance geben, Fehler zu korrigieren und ihnen schrittweise mehr und mehr Eigenverantwortung zutrauen.

Worum geht es jetzt in Bosnien?

Oberste Priorität hat der Aufbau der Wirtschaft, es geht um Arbeitsplätze. Nichts ist schlimmer als Hunderttausende, vor allem junge Menschen, ohne Jobs. Leider haben wir Deutschen auch dazu beigetragen, indem wir Flüchtlinge zurückgeschickt haben, die bei uns nie die Erlaubnis zu Arbeit und Ausbildung hatten. Mit dieser kontraproduktiven Politik schadete die Innenministerkonferenz allen, den Flüchtlingen und unserem Land. In Bosnien muss es künftig ein ganzes Kaleidoskop an Aufbau-Programmen geben – so wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau, die damals in Deutschland gegründet wurde. Kleinunternehmer benötigen Zinssubventionen, veraltete Bürokratie muss radikal reduziert werden, die Leute brauchen Kleinkredite, Anreize zu investieren – das Land muss so attraktiv werden, dass gut Ausgebildete zurückkehren wollen.

Das Gespräch führte Caroline Fetscher.

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