Politik : Gut bedient

Gerd Appenzeller

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Darüber führen alle deutschen Landespolitiker beredte Klage: Dass der Bund sich wie ein Moloch immer weiter in die Kompetenzen der Länder ausdehnt und überall das Sagen haben will. Er ist wie der reiche Nachbar, der immer nur an sich denkt. Was das im Einzelfall bedeuten kann, hat Johannes Rau, heute Bundespräsident und vormals Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, einmal erzählt.

Rau hatte 1978 das Amt des Regierungschefs in Düsseldorf übernommen. 1980 musste er sich erstmals dem Urteil der Wähler stellen. Für den 11. Mai waren Landtagswahlen angesetzt. Natürlich holte man sich prominente Bundespolitiker als Wahlredner. Das beste Pferd im sozialdemokratischen Stall war der Bundeskanzler, Helmut Schmidt. Der war als Außen- und Wirtschaftspolitiker eine anerkannte Autorität, was er selbst wusste. Als er also vor 4000 Zuhörern in der Landeshauptstadt auftrat, erzählte er eine Stunde von der Welt da draußen. Wie das mit der globalen Ökonomie so liefe, und was die Amerikaner zum Beispiel von den Deutschen lernen könnten.

Irgendwann hatten die Mitarbeiter von Johannes Rau den Eindruck, der Gast aus Bonn könne vergessen haben, dass er wegen der Landtagswahlen eingeladen worden war. Also reichte man ihm einen Zettel hoch. Auf dem stand: Helmut, Landtagswahlen! Der Kanzler las das, unterbrach seine Rede, zeigte zu Rau herüber und sagte dem Publikum: „Übrigens, mit Hannes seid ihr gut bedient.“ Dann sprach er weiter über die Weltwirtschaft.

Irgendwie hat es aber wohl nicht geschadet. Johannes Raus SPD holte jedenfalls die absolute Mehrheit.

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