Gute Nachrede : Merkels Regierungssprecher Ulrich Wilhelm tritt ab

Die Hauptstadtpresse verabschiedet Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Er wird Intendant des Bayerischen Rundfunks.

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328 Mal hat er dort gesessen – auf dem Podium vor der Bundespressekonferenz. Als Abschiedsgeschenk bekam Ulrich Wilhelm unter anderem dieses Bild. Foto: Hannibal/dpa
328 Mal hat er dort gesessen – auf dem Podium vor der Bundespressekonferenz. Als Abschiedsgeschenk bekam Ulrich Wilhelm unter...Foto: dpa

Berlin - Dass man ihn nicht gewarnt hat, wird Ulrich Wilhelm später nicht sagen können. Nur zweimal habe es in der Geschichte der Bundesrepublik den Fall gegeben, dass ehemalige Regierungssprecher wieder zurück ins Amt geholt wurden, gab der Vorsitzende der Bundespressekonferenz dem Scheidenden zu bedenken. Weil aber auch Werner Gößling nicht damit rechnen konnte, den 49-Jährigen noch umzustimmen, war die Erinnerung an Klaus Bölling und Felix von Eckardt vor allem eines: ein dickes Kompliment. Die Hauptstadtjournalisten, das zeigte sich am Mittwoch letztmals, lassen den geschätzten Sprecher nur ungern ziehen.

328 Mal hat ihnen der CSU-Mann auf dem Podium vor der hellblauen Wand zusammen mit seinen Fachkollegen der Ministerien Rede und Antwort gestanden. Vier Jahre und neun Monate lang war es sein Job, die Politik Angela Merkels zu „verkaufen“, Entscheidungen der Regierung publik zu machen, sie zu begründen und nötigenfalls auch zu verschleiern. Wie ungewöhnlich lange das ist, zeigt nur der Vergleich. Konrad Adenauer hatte in diesem Zeitraum bereits fünf Sprecher, Helmut Kohl drei. Unter Wilhelms 22 Vorgängern gab es nur drei, die es länger im Amt hielt. Und Wilhelms Herausforderungen waren nicht ohne. Erst große Koalition, dann schwarz-gelbe Wirren, das ganze Drumherum von EU- und G-8-Präsidentschaft, ein auszurichtender Nato-Gipfel, eine epochale Finanzkrise …

Wilhelm hat die Herausforderungen nicht nur bestanden. Er hat dabei auch auf beiden Seiten gepunktet: bei denen, die Politik machen und bei denen, die sie zu kontrollieren haben. Freundlich, klug, diplomatisch, nie von oben herab – das sind Beschreibungen, mit denen Beobachter seinen Stil charakterisieren. Merkel konnte mit dem Mann aus Bayern sowieso – obwohl viele befürchtet hatten, sie würde sich mit der Berufung des langjährigen Sprechers von Edmund Stoiber die CSU ins Büro holen. Am Ende habe dem Sprecher nicht einmal der Absturz der Koalition in den Umfragen etwas anhaben können, sagte Gößling. Wie auch? Die Kanzlerin habe ja sicher sein können, dass den Profi Wilhelm daran keine Schuld treffe.

Es ist bezeichnend, dass der Verdacht, hier wolle einer rechtzeitig ein sinkendes Schiff verlassen, nicht einmal hinter vorgehaltener Hand geäußert wird. Das Angebot, Intendant des Bayerischen Rundfunks zu werden, ist nochmal ein Traumjob für den gelernten Journalisten. Am Morgen hat Merkel ihm, aus dem Urlaub heraus, dafür alles Gute gewünscht.

Ob er nicht auch einmal in die Situation geraten sei, Journalisten belügen zu müssen, wurde Wilhelm gefragt. Er habe sich bemüht, so die Antwort, „die Grenzen meiner Möglichkeiten deutlich zu machen“. Unter „Zuhilfenahme besonderer Formulierungen“ lasse sich der Konflikt, etwas sagen zu müssen, obwohl man nichts sagen darf, ja durchaus entschärfen.

Er habe aber auch gelernt, dass nicht kritisches Urteil zu fürchten sei, sondern oberflächliches Urteil, sagte der Sprecher. Es ist nicht zuletzt diese Haltung, die ihm den allseitigen Respekt professioneller Politikbeobachter eingetragen hat.

Zum Abschied bekam Wilhelm unter anderem ein Fernrohr geschenkt. Was ihm dazu einfiel? Erst mal, dass er der Kanzlerin aus Sorge vor bestimmten Bildunterschriften abraten würde, sich damit ablichten zu lassen. Und dann, dass man das Teil ja auch umdrehen könne. Um die schnelllebige Politik aus größerer Distanz zu betrachten. Gelegenheit dazu hat er nun.

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