Politik : Gutes sagen, Gutes tun

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Es reicht nicht, nur gut von seiner Zeit zu reden, nur bene dicere. Das ist die Last des Deutschen, des ersten seit Jahrhunderten, der nach Johannes Paul an der Spitze der katholischen Kirche steht. Aber alles hat seine Zeit, auch die Hoffnung. Sie ruht jetzt auf Benedikt.

Mythos, Mysterium und Magie, diese Kirche fesselt gegenwärtig wie keine andere Institution das Interesse auch derer, die ihr nicht angehören. 2000 Jahre alt, mit einer Tradition, die so ehrwürdig wie wunderlich wirkt, so aus der Zeit gefallen, dass Jugendliche sie weltweit als Kult empfinden. Der Papst, der war, war eine PopIkone. Was ist Benedikt?

In Jahren, in denen die Bindekraft jedweder Institution nachgelassen hat, die sich um das Soziale oder Politische einer Gesellschaft bemüht, ist einer da, der über sein jahrzehntelanges Wirken zu einer Autorität gewachsen ist. Kraft Amtes, als oberster Denker der Kirche, und wegen seiner offenkundigen Unbeugsamkeit. Autorität, wenn sie wie beim Papst mit autoritativem und autoritärem Verhalten verbunden ist, wirkt anziehend; das zeigt sich in Benedikts Wahl und weltweit. Einer, der nicht nur ahnt oder sucht, sondern weiß. Der sich nicht beirren und nicht irre machen lässt. Der nicht Liberalität predigt. Der Papst als Gouvernator.

Und nun? Sucht er. Sucht die Kirche. Benedikt muss sich neue Autorität erwerben, damit er die offizielle Kirche an sich bindet und Milliarden in aller Welt. Welch ein Vorgang: Hochpolitisch ist er, gesellschaftlich von allergrößter Bedeutung, weil dieser Mann, getragen vom Mythos, hineinreicht bis tief in die inneren Angelegenheiten von Ländern der ganzen Welt. Nicht nur, aber auch in die seines Heimatlandes. Wer dort unter den Politikern nicht alles Orientierung sucht! Wie könnte da einer, der Moral hochleben lässt, unmoralisch oder unsozial sein? Doch nur der Papst hat Moral qua Amt.

Das Charisma des unbedingten Glaubens ermöglicht ihm, dem Nachfolger Petri, gesellschaftliche Veränderung. Es ist aber eben nicht eine Politik des Wandels durch Annäherung, auch keine profane Politisierung des Kirchlichen, sondern umgekehrt: Durch Spiritualisierung wächst diesem einen Mann Macht zu, auch politische, und ganz besondere, wenn man bedenkt, dass die Jugend auf ihn wartet. Die erste große Reise, weltpolitisch gesehen, wird die zum Weltjugendtag in Köln sein.

Die Kirche mutiger, freier, jünger zu machen – das ist der fortwährende, der immer neue Auftrag jedes Papstes, und gerade, noch im Moment seiner Wahl, hat Benedikt XVI. davon gesprochen. Diesen Moment zum Momentum zu machen und zu reformieren, nach innen wie nach außen, ist ihm deshalb auferlegt. Frauen, Verhütung, eine überalterte Kurie, eine weltoffene Religiosität, so lauten die Schlagworte. Da wartet ein schwieriges Erbe. Überlebensgroß Johannes Paul II., irdisch die Herausforderung. Und die Verantwortung: Für viele Regierungen in Lateinamerika war die katholische Kirche die größte Opposition, sie nahm Partei in einer Weise, dass gegen sie nur schwer zu regieren war. Viele Gläubige in Asien benötigen Zuspruch auf dem Weg zur Demokratisierung, ein neues Vorbild. Und Europa, zumal sein Heimatland, braucht einen, der hilft, einzuordnen, was außer Globalisierung noch gelten soll. Die Wirklichkeit ist nicht relativ. Aber es gibt nicht nur eine.

Der Papst, der war, hat eine Brücke in die Welt geschlagen. Der Papst, der ist, muss nun ihre Sorgen an sich herankommen lassen. Das sind Zeichen der Zeit. Und nicht alle Zeiten währen ewig.

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