Politik : Gutes von gestern

Matthias Meisner

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Franz Müntefering hat es nicht so ganz leicht. Schon als SPD-Generalsekretär stand der Berufspolitiker aus dem Sauerland stets im Verdacht, nur Diener seines Herrn, des SPD-Vorsitzenden Gerhard Schröder, zu sein. „Sprechautomat des Kanzlers“ hat ihn der „Spiegel“ einmal genannt, und niemand in der Partei wusste da so recht zu widersprechen.

Doch eines lässt sich der Sozialdemokrat Müntefering nicht nachsagen: dass er die Traditionen seiner Partei missachtet. Schon den roten Schal will er noch vor Walter Momper getragen haben. Ende vergangenen Jahres kam er zu einer Journalistenrunde in Berlin mit einer kleinen roten Stecknadel am Revers. Warum das, wollte ein junger Kollege wissen. „Sie sind zu jung, sie kennen das gar nicht mehr“, erwiderte Müntefering. Dann erläuterte er, dass die Stecknadel in den 70er Jahren unter Willy Brandt ein Erkennungszeichen der Genossen und der SPD-Sympathisanten gewesen sei. Und nun habe er eben noch an einigen Anzügen die Stecknadel am Revers. Der Gegenfrage des jungen Kollegen, ob denn sein feiner Zwirn tatsächlich schon seit den 70er Jahren im Schrank hänge, wich der Spitzengenosse dann aus – obwohl, selbstverständlich habe er auch neue Anzüge. Müntefering war ganz froh, dass der offizielle Teil des Gespräches begann und nun Vertraulichkeit vereinbart wurde.

Anfang des Jahres, als sich die Fraktionsführung der SPD mit der Spitze der Grünen-Bundestagsfraktion im idyllischen Wörlitz traf, erschien Müntefering dann ohne die kleine rote Stecknadel am Revers. Vernachlässigt der oberste Parteisoldat der SPD die Traditionen? Franz Müntefering, wir machen uns Sorgen.

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