Gynäkologie : Immer mehr Ärzte verweigern Abtreibungen

In Italien sind sieben von zehn Gynäkologen zu dem Eingriff nicht bereit – aus Gewissensgründen?

Andrea Dernbach

Berlin In Italien ist die Zahl der Abtreibungen im vergangenen Jahr wieder gesunken. Wurden 2006 noch 131 018 Schwangerschaften abgebrochen, waren es im letzten Jahr 127 038, also drei Prozent weniger. Noch viel deutlicher allerdings verringern sich die Chancen der Italienerinnen, legal abzutreiben: Inzwischen erklären landesweit 70 Prozent der Frauenärzte, sie würden den Eingriff verweigern. Auf Sizilien sind es allerdings 84, in Kampanien 83 und in der Basilicata im tiefen Süden der Halbinsel sogar 90 Prozent. Im Landesschnitt lag die Quote vier Jahre zuvor noch bei 59 Prozent.

Die scheidende Gesundheitsministerin Livia Turco (Demokraten) zeigte sich bei der Vorstellung des Berichts zwar erfreut über eine „substanzielle Veränderung“ der Abtreibungszahlen, mahnte aber, dass in Gegenden mit hoher Verweigererquote garantiert werden müsse, dass dort das im Gesetz Nummer 194 verbriefte Recht auf Abtreibung – es entspricht dem deutschen Strafgesetzbuchparagrafen 218 – nicht graue Theorie bleibe.

Mit dem „194“ wurden vor dreißig Jahren in Italien Abtreibungen innerhalb der ersten 90 Schwangerschaftstage legalisiert – vorausgesetzt, die Frau sieht ihre seelische und körperliche Gesundheit und ihre soziale Lage durch die Schwangerschaft schwer gefährdet oder der Fötus ist missgebildet. Außerdem müssen die Abbrüche in einem Krankenhaus oder einer Ambulanz stattfinden, die eine Erlaubnis der zuständigen regionalen Gesundheitsbehörde hat.

Recht auf Abtreibung als Reizthema

In den letzten Jahren war das Recht auf Abtreibung immer wieder ein Reizthema der innenpolitischen Debatte; bei der Wahl präsentierte sich sogar eine Antiabtreibungsliste, deren Stimmenanteil allerdings kaum wahrnehmbar war. Im März, wenige Wochen vor der Wahl, hatte der Selbstmord des Genueser Frauenarztes Ermanno Rossi Aufsehen erregt. Rossi, der in einem katholischen Krankenhaus angestellt war, in dem sogenannte „freiwillige“ Schwangerschaftsabbrüche verboten waren, hatte privat, also illegalerweise Abtreibungen vorgenommen. Nach einer Vernehmung durch die Polizei stürzte er sich aus seinem Sprechzimmer im elften Stock.

Während der Verband katholischer Ärzte die wachsende Zahl der „obiettori“, also der Verweigerer unter den Ärzten, jetzt als „kulturellen Fortschritt“ feiert, haben Verfechter des Rechts auf Abtreibung daran ihre Zweifel. Der Turiner Gynäkologe und Grünen-Politiker Silvio Viale hält Karrieregründe für schwerwiegender. „Abtreibungen sind kompliziert und bringen nichts ein. Wer sie macht, wird an den Rand des Gesundheitssystems gedrängt.“ Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass viele Kollegen sich als Abtreibungsgegner bezeichneten. Sie sollten dann aber, meint Viale, ihr Gewissen aus dem Spiel lassen.

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