H1N1-Virus : Regierung: Keine Zwei-Klassen-Grippe

Die Bundesregierung hat Vorwürfe zurückgewiesen, für Kabinettsmitglieder einen besseren Impfstoff gegen die sogenannte Schweinegrippe als für den Rest der Bevölkerung bestellt zu haben. Es gebe keine Zwei-Klassen-Impfung, betonte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm.

Werner Kurzlechner,Rainer Woratschka

Berlin - Regierungsmitglieder erhielten – wenn sie sich denn impfen ließen – beim Hausarzt dasselbe Serum wie alle Bürger. Einen Impfstoff ohne die von Experten als problematisch bezeichneten Wirkstoffverstärker gebe es nur für Mitarbeiter der Krisenstäbe, die Bundespolizei und Soldaten – was einzig daran liege, dass man ihn auf anderer Vertragsgrundlage geordert habe. Zum Zeitpunkt der Bestellung sei noch gar nicht klar gewesen, wie der Impfstoff beschaffen sein sollte.

„Richtig ist, es gibt keinen besseren oder schlechteren Impfstoff“, betonte Wilhelm. Auch Kanzlerin Angela Merkel werde, wenn sie sich für eine Impfung entscheide, mit dem gewöhnlichen Serum vorliebnehmen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) versicherte, sich den Impfstoff für alle injizieren zu lassen. Experten zufolge rufen die Impfstoffe „Pandemrix“ und „Focetria“ wegen ihrer Verstärkersubstanzen heftigere Nebenwirkungen hervor als Mittel ohne Zusätze. Zudem enthalten sie einen quecksilberhaltigen Konservierungsstoff. Schwangeren wurden diese Impfstoffe ausdrücklich nicht empfohlen.

Der Vorstandschef der Barmer Ersatzkasse, Johannes Vöcking, nannte die Entscheidung, für bestimmte Personen ein anderes Serum vorzuhalten, „politisch total unklug“. Der Eindruck, dass es für Politiker „Extrawürste“ gebe, sei schädlich, sagte Vöcking dem Tagesspiegel. „Sie hätten sich einreihen und die Bereitschaft zeigen müssen, mit demselben Serum geimpft zu werden wie alle anderen.“ Schließlich könne man davon ausgehen, dass auch das Serum mit Verstärkern genügend getestet und sicher sei.

Durch die Debatte über bessere und schlechtere Impfstoffe werde die Impfbereitschaft weiter sinken, prophezeite der Kassenchef. „Ich rechne damit, dass sich dadurch noch mal fünf Prozent weniger impfen lassen.“ Schon vorher hätten sich die Versicherten „sehr zurückhaltend“ gezeigt. Vöcking betonte, dass die gesetzlichen Kassen finanzielle Rückforderungen an die Länder stellen würden, wenn der georderte Impfstoff nicht verbraucht werde und sich nicht weiter verkaufen lasse. Die Kassen müssen die Kosten für die Immunisierung von der Hälfte ihrer Versicherten tragen und haben dafür bereits 600 Millionen Euro vorgeschossen. Insgesamt kosten die bestellten 50 Millionen Dosen rund eine Milliarde Euro.

Privat Krankenversicherte erhalten die gleichen Impfstoffe wie gesetzlich Versicherte. Dies betonte Verbandssprecher Stefan Reker. Es herrsche hier „absolute Gleichbehandlung“, sagte er.

Am Montag begann die Auslieferung der ersten Impfstoffe. Bis Freitag sollen alle Bundesländer versorgt sein, am 26. Oktober sollen dann die Impfungen für Beschäftigte im Sicherheits- und Gesundheitssektor starten. Eine Woche später sind Patienten mit besonderem Risiko dran, ab Mitte November alle übrigen Bürger. Und bis Ende November soll es auch für Schwangere einen Impfstoff ohne die umstrittenen Wirkungsverstärker geben. Auch in Berlin beginnen die Impfungen in der kommenden Woche. Der Senat plant, die Immunisierung der Bevölkerung auf rund 2000 Arztpraxen zu konzentrieren.

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