Hackerangriff auf Iran : Die Cyberkrieger kommen

In 50 Jahren könnte es eine Diskussion unter Historikern sein – die Frage, wann nun wirklich der digitale Erstschlag erfolgte.

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War es, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in dieser Woche befand, der Angriff auf Siemens-Software, die in zahlreichen Industrieanlagen verwendet wird – unter anderem auch in iranischen, wie das Mullah- Regime am Wochenende bestätigte? War es bereits im Jahr 2008, als das US-Militär Opfer einer digitalen Attacke wurde, weil ein Mitarbeiter einer US-Basis nichtsahnend einen infizierten USB- Stick in einen Rechner steckte? Der feindliche Wurm machte sich auf den Weg durch die Rechner zum US Central Command, das Regionalkommandozentrum für Afghanistan und Irak. Dort spionierte er auch Operationspläne aus. Eher noch werden sich Historiker aber doch auf das Jahr 2007 und Estland einigen: Bis heute unbekannte Täter legten damals das Finanzwesen, das Präsidialamt, Ministerien und Sicherheitsbehörden des Landes mit einer wochenlangen Internetattacke lahm. Ein Millionenschaden entstand.

Hinter all den Angriffen werden nicht etwa kleinkriminelle Computer-Nerds vermutet, sondern Staaten und ihre Geheimdienste. Eine Befürchtung geht damit einher: Dass es beim nächsten Mal nicht bei Sachschaden bleibt, sondern kritische Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung angegriffen wird, was Stromausfälle oder verseuchtes Wasser zur Folge haben könnte. Oder dass sogar Atomkraftwerke oder Militärbasen angegriffen werden. Sie alle sind durchdigitalisiert und damit effizient, aber angreifbar.

Darauf muss Politik reagieren. Die Nato hat das nach dem Vorfall in Estland getan und eine eigene Cyber-Einrichtung gegründet. Die USA haben eine Art Cyber-General, Keith Alexander, Chef des US-Geheimdienstes NSA. Der hält es für wahrscheinlich, dass die USA in Zukunft einem groß angelegten Internetangriff ausgesetzt sein werden. Andere Länder haben nachgezogen; auch der deutsche Innenminister Thomas de Maizière (CDU) spricht von einer „ernsten Bedrohung“. Die meisten Nationen stehen am Anfang ihrer Cyber-War-Strategien, Deutschland eingeschlossen.

Und doch fällt ein scheinbarer Widerspruch ins Auge. Denn anders als im angelsächsischen Raum wird in Deutschland weniger über die Sicherheit der Infrastruktur durch Netzattacken diskutiert als über Hausfassaden und tatsächliche oder angebliche Eingriffe in die Privatsphäre wie bei Google Street View. Es geht also um den Widerstreit Öffentliches Interesse (das Bild der Hausfassade) und Persönlichkeitsschutz (das Recht am Bild des eigenen Hauses), nicht aber um den eigentlichen digitalen Konflikt zwischen Sicherheitsbedürfnis und Persönlichkeitsschutz. Schon einmal fand dieser Kampf statt, als nach dem 11. September 2001 die Anti-Terror- Gesetze verschärft wurden. Demnächst könnte Ähnliches drohen, wenn klar wird, dass die wahren digitalen Herausforderungen vielleicht doch nicht Google und seine Landvermesser sind. Das Sicherheitsbedürfnis muss der Staat organisieren und diskutieren – das ist nicht nur eine Frage der inneren digitalen Sicherheit, sondern auch ein wichtiges Politikfeld für die Außen- und Verteidigungspolitik.

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