Politik : Häkeldeckchen für die Playstation

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Zu den deutschen Ikonen des mittleren bis ausgehenden 20. Jahrhunderts zählte die Skatrunde. Drei Männer mittleren Alters beim Herrengedeck, die mit lautem Knall Spielkarten auf den Tisch hauen und dabei einen seltsamen Sprachcode pflegen: „Hosen runter!“, „Pikus, der Waldspecht“, „Grandhandohnevierenschneiderschwarzangesagt“.

Das steht hier, ehrlich gesagt, nur wegen des nostalgischen Sounds. Denn es gibt diese Runden ja praktisch nicht mehr, genauso wenig wie die Kneipen, die ihr Ökotop bildeten. Wo sind all die Männer geblieben?

Sie daddeln. Elektronisch. Eine ebenso groß wie breit angelegte Studie der Werbeagentur Jung von Matt räumt jetzt mit dem Mythos auf, dass nur picklige junge Männer mit Coladurst und Sexproblemen vor dem Computer sitzen und Armeen von feindlichen Weltraummonstern pulverisieren, rund um die Uhr, ohne Pause, bis die entnervte Mutter hereinkommt, über die Pappen mit der kalten Pizza steigt und den Stecker aus der Dose reißt.

Das soll alles gar nicht stimmen. Denn der typische Freizeitspieler ist durchschnittlich 44 – und zur Hälfte weiblich. Er weiß, wo man Bücher öffnet und wie man sie durchliest, er hat einen Job und trifft sich gern zum Grillen mit Freunden – das erkennen die Forscher schon daran, dass sich in seinem Kühlschrank Meggle-Kräuterbutter und Heinz-Soßen stapeln. Im Wohnzimmer stehen terracottafarbene Sofas, in der Vitrine historische Bierkrüge, kurz: Wir haben es mit dem durchschnittlichen modernen Deutschen zu tun, der keinen Widerspruch darin sieht, abends erst beim Kirchenvorstand zu sitzen und dann später bei Spielen wie „Need for Speed“ serienweise Autos zu schrotten. Oder sich bei „Doktor Kawashimas Gehirnjogging“ auf die zweite Lebenshälfte vorzubereiten.

Supertypen, allesamt. Sie haben nur ein Problem: Sie mögen sich nicht zu ihrem Hobby bekennen und stülpen deshalb gehäkelte Schondeckchen über die Playstation, wenn die Nachbarn kommen. Deshalb lässt sich auch kaum abschätzen, wie weit die Daddelsucht schon in die deutsche Entscheiderebene vorgedrungen ist. Immerhin entspricht das Profil der Bundeskanzlerin recht genau dem Spielerdurchschnitt. Die Vorstellung, dass unser Land gegenwärtig von einem Regierungssimulationsprogramm geführt wird, hat allerdings etwas leicht Unheimliches. Wie man aus dem Schneider kommt – das wussten die Skatspieler besser.

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