Politik : „Hände weg von unserem Heiligtum!“

Der Bund der Vertriebenen gedenkt der Opfer des Warschauer Aufstands – in Polen wird das als Provokation empfunden

C. von Marschall[Berlin],T. Roser[Warschau]

Mit bewegenden Ansprachen im Französischen Dom in Berlin hat der Bund der Vertriebenen (BdV) am Montag der Opfer des Warschauer Aufstandes von 1944 gedacht. In Polen stieß das jedoch auf großes Misstrauen. Das Motto „Empathie – der Weg zum Miteinander“ wird als Provokation verurteilt.

Am 1. August 1944, als die weißrussische Front der Roten Armee die Weichsel erreicht hatte, begann Polens bürgerliche Untergrundarmee den Aufstand, um die Hauptstadt aus eigener Kraft zu befreien. In den 63 Tagen bis zur Niederschlagung des Aufstandes durch Nazi-Truppen starben 200 000 Polen, 50 000 Überlebende kamen in Konzentrationslager, Hunderttausende wurden vertrieben, Warschau komplett zerstört.

Im Berliner Dom sprach die BdV-Vorsitzende Erika Steinbach selbstkritisch von einem „Autismus der Opfergruppen“, die immer nur das eigenen Leid sehen würden. In der Schule und in den vielen Jahren danach habe sie „praktisch nichts erfahren“ über die Leiden der polnischen Nachbarn. „Wir wollen mitfühlen und wir sehnen uns nach dem Mitgefühl anderer.“ Kardinal Karl Lehmann hob hervor, dass „die Vertriebenen nicht des Schicksals der eigenen Gruppe gedenken“, sondern „das Leiden und die Tapferkeit der anderen würdigen“. Zur „Heilung des Gedächtnisses“ habe der Papst Polen und Deutsche zur gemeinsamen Erinnerung aufgefordert. Lehmann mahnte, „das bleibende Bemühen um Aussöhnung“ müsse glaubwürdig gemacht werden. „Vertrauen braucht lange, um zu wachsen.“

Der Schriftsteller Ralf Giordano schilderte in einer Rede, die mit stehenden Applaus bedacht wurde, den Mut und Freiheitswillen der Aufständischen – „ich verbeuge mich“ –, appellierte aber auch an „meine polnischen Freunde“, den BdV und Erika Steinbach nicht zu dämonisieren. Unter früheren BdV-Führungen wäre ein solcher Abend „unmöglich“gewesen. Ihr Wandel zur Empathie sei glaubwürdig.

Angesichts seiner jüdischen Herkunft sei auch er lange „einäugig“ auf das Leid seiner Opfergruppe fixiert gewesen und habe lange gebraucht, bis er Empathie für das Schicksal von Menschen empfinden konnte, die „auf der anderen Seite gestanden“ haben. Heute unterstützt Giordano das von Steinbach geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“ in Berlin, das dem Schicksal aller Vertriebenen des 20. Jahrhunderts gewidmet sein soll, aber in Polen auf Protest trifft. Die Deutschen, so der Argwohn, wollen sich von Tätern zu Opfern machen.

Polens Zeitungen berichten über die Veranstaltung seit Tagen in negativem Ton, oft unter Verweis auf Entschädigungsklagen deutscher Vertriebener. Die „Gazeta Wyborcza“ nannte Steinbach einen „Wolf im Schafspelz“. Ex-Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, selbst Aufstandsteilnehmer, wirft ihr populistische Manipulation der öffentlichen Meinung vor: „Frau Steinbach ist eine Lügnerin“, ihr Mitgefühl sei „eine Provokation“. Der Warschauer Aufstand „ist für viele Polen heilig. Hände weg von diesem Heiligtum!“ Gnädiger wird am Dienstag über den Abend berichtet. „Die Geschichte wurde nicht falsch dargestellt, aber in Polen glaubt man nicht an die Reinheit der Absicht“, schreibt die „Gazeta“.

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