Hässlicher Deutscher : Die Schweiz und ihr ungeliebter Nachbar

Das nachbarschaftliche Verhältnis von der Schweiz und Deutschland ist angespannt. Warum die Eidgenossen so empfindlich auf deutsche Überheblichkeit reagieren.

Wolfgang Prosinger
Steinbrück
Für den "Blick" ist Peer Steinbrück das Sinnbild des hässlichen Deutschen. -Foto: dpa

Berlin - So klingen Kriegserklärungen. Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering droht der Schweiz mit dem Militär: „Früher hätte man da Soldaten hingeschickt.“ Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück, nicht minder martialisch, redet von „Kavallerie“, vor der die „Indianer“ schon kuschen würden, und winkt zur Abschreckung mit der „Peitsche“. Thema bei alledem: das Schweizer Bankgeheimnis.

Die Schweizer wiederum, erschrocken über solche Töne aus der Nachbarschaft, entdecken wieder einmal den hässlichen Deutschen und fühlen sich an die Nazis erinnert. Die Wut steigt aus allen Ecken des Landes, füllt Leserbrief- und Internetseiten, der deutsche Botschafter wird einbestellt. Die Volksseele kocht.

Was ist los in der friedlichen Schweiz?

Die Turbulenzen sind das Ergebnis eines Kulturunterschieds, von dem die Deutschen zum größten Teil keine Ahnung haben. Sie wissen nicht, wie fern sich die beiden Länder sind – trotz ihrer gemeinsamen Grenze, trotz ihrer gemeinsamen Schriftsprache, trotz eines Warenaustausches von 70 Milliarden Euro im Jahr, trotz des fleißigen Zuzugs ihrer Landsleute (gut 200 000 Deutsche leben in der Schweiz). Und sie wissen auch nicht, wie unbeliebt sie bei vielen Schweizern sind. Sie haben wenig Ahnung von ihrer Wirkung.

Das beginnt schon bei der Lautstärke. Wenn Deutsche sprechen, dann klingt das für schweizerische Ohren schrill, anmaßend. Sie fallen anderen ins Wort, wollen sie übertönen. Schweizer zucken dabei zusammen. Gilt ihnen doch das ungeschriebene Gesetz des Respekts vor dem anderen. Keiner würde ihm die eigene Meinung aufdrängen wollen. Dass jeder nach seiner Façon selig werden soll, hat zwar ein Preuße gesagt. Wahr gemacht wird dieser Satz aber eher in der Schweiz.

Der Versuch, den anderen nicht zu dominieren, bei allen Unterschieden doch einen gemeinsamen Nenner zu finden, zeigt sich auch im politischen System der Schweiz. Es stellt den Konsens über alles, statt der demokratischen Konkurrenz zwischen Regierung und Opposition hat sich hier das sogenannten Konkordanzsystem entwickelt: Alle großen Parteien werden an der Regierung beteiligt. Auch der Journalismus ist dem Konsensualismus verpflichtet. Harsche Zuspitzungen und Beleidigungen sind ihm meist fremd.

So kann es nicht verwundern, dass deutsche Formen der politischen, aber auch der privaten Kommunikation als fremd und irritierend empfunden werden. Nicht wenig hat das auch mit der Sprache zu tun. Wo immer ein Schweizer mit einem Deutschen spricht, muss er in einer Fremdsprache reden – Hochdeutsch. Und in dieser Fremdsprache ist er nicht so gewandt und vor allem nicht so schnell wie in seiner eigenen Sprache, der Mundart. Also fühlt er sich unterlegen.

Und fühlt sich doppelt unterlegen gegenüber einem Auftreten der Deutschen, das er oft arrogant und flegelhaft findet. Das wird an kleinsten Alltäglichkeiten deutlich. Bestellt etwa ein Deutscher in einer Schweizer Gaststätte ein Bier, so wird er zur Bedienung (die dort übrigens Saaltochter heißt) sagen: „Ich krieg ein Pils.“ Die Bedienung wird das für eine Anmaßung halten; ob der Gast das Bier wirklich bekommt, hängt schließlich von ihr ab. Die in der Schweiz übliche Form der Bestellung heißt: „Ich hätt gern ...“

Höflichkeitsregeln sind Grundregeln in der Schweiz. Das sollten auch Politiker wissen. Und sich am besten an Susann Sitzler halten, eine Autorin, die über diese kulturellen Unterschiede das lesenswerte Buch „Grüezi und Willkommen“ geschrieben hat. Ihr Tipp für Deutsche: „Üben Sie sich in der affektiertesten Untertänigkeit, zu der Sie sich imstande fühlen.“

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