Politik : Halb zog er sie

Von Malte Lehming

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Hat man ihn so schon erlebt? Ihn, den Streiter, den Dogmatiker, den ehemaligen Kardinal, der immer angstfrei und selbstbewusst war in allen Glaubens- und vielen weltlichen Dingen? Und nun kriecht Papst Benedikt XVI., nein, nicht zu Kreuze, sondern zum Halbmond, wie es scheint. Bei seiner Ankunft in Ankara trägt er das Kreuz nicht offen um den Hals, er preist den Islam als eine „Religion des Friedens“, besucht das Atatürk-Mausoleum, obwohl während der Amtszeit des türkischen Staatsgründers hunderttausende Christen getötet wurden. Damals war jeder fünfte Türke ein Christ, heute ist es jeder tausendste. Und so geht’s weiter: Bei seinem Treffen mit dem Chef der Religionsbehörde, Ali Bardakoglu – das ist jener Mann, der die Regensburger Vorlesung des Papstes „feindselig und provozierend“ genannt hatte –, gibt sich das Oberhaupt der katholischen Kirche sanfter als ein Lamm. Und als Krönung darf ihn Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit der Bemerkung wiedergeben, er, der Papst, unterstütze nun plötzlich eine EU-Mitgliedschaft der Türkei. Grenzt so viel Demut nicht an Selbstverleugnung?

Kein Zweifel: Regensburg nagt an ihm. In der islamischen Welt, und besonders in der Türkei, hatte seine Vorlesung im September zu Eruptionen geführt. Damals hatte er einen byzantinischen Kaiser unwidersprochen mit den Worten zitiert, der Prophet Mohammed habe nur „Schlechtes und Inhumanes“ gebracht. Bis heute werfen ihm Muslime deswegen eine „Kreuzfahrermentalität“ vor. Noch einen Fehler solcher Art, das weiß Benedikt XVI., darf er sich nicht leisten, zumal dieser Papst die Auseinandersetzung mit dem Islam ins Zentrum seines Wirkens gerückt hat. Die Türkeireise ist seine erste in ein muslimisches Land. Die Herzen wird er hier kaum erwärmen. Sollte es ihm gelingen, die Wunden zu schließen, wäre das schon viel.

Am Thema Türkei scheiden sich die Geister in Europa. Es gibt gewichtige strategische, politische, ökonomische und demografische Gründe, die für einen EU-Beitritt des Landes sprechen. Gleichzeitig vertieft sich der kulturell-religiöse Graben – auf beiden Seiten, wie Umfragen belegen. Und es steigt die Ungeduld: bei den Türken wegen der als Hinhaltetaktik wahrgenommenen EU-Strategie, bei den Europäern wegen der anhaltenden Defizite in Menschenrechtsfragen und, aktuell, wegen der sturen Zypernposition Ankaras. Voneinander lassen dürfen Europa und die Türkei nicht, ein endgültiger Abbruch der Verhandlungen wäre fatal. Das Zueinanderkommen indes dauert lange und es braucht, gerade in schwierigen Zeiten, mitunter zusätzliche Motivationsschübe.

Vor diesem Hintergrund hat der Pontifex den einzig richtigen Ton getroffen. Was genau er Erdogan zum Thema EU- Beitritt sagte, wird unklar bleiben, bis der Wortlaut des Gesprächs vorliegt. Wahrscheinlich hat der Papst den Prozess der Annäherung, also lediglich das Streben der Türkei in die EU begrüßt, nicht aber explizit die Mitgliedschaft. Er wollte die entsprechenden Anstrengungen würdigen, nicht aber das Ergebnis präjudizieren. Dass seine Äußerung dann zugespitzt wiedergegeben wurde, könnte also eine Art willkommenes Missverständnis sein, das aus Höflichkeit nicht schroff dementiert wird. Mit der Vagheit lässt sich leben. Denn was zählt, ist zunächst der Effekt. Die teils skeptische, teils ablehnende Stimmung der Türken hat sich gewandelt. Und das hat den Besuch bereits zum Erfolg gemacht. Wer auf mehr hoffte, erhoffte sich zu viel.

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