Haltung zu Erdogan : Kein Generalverdacht gegen die Deutschtürken!

Ein neues Klischee besagt, dass Deutschtürken Erdogan unterstützen. Darin schwingt Geringschätzung mit. Das hält keine Beziehung aus. Ein Kommentar.

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Teilnehmer der Pro-Erdogan-Demonstration in Köln Ende Juli 2016. Foto: REUTERS
Teilnehmer der Pro-Erdogan-Demonstration in Köln Ende Juli 2016.Foto: REUTERS

Es macht gerade wenig Freude, in Deutschland türkischstämmig zu sein, denn in den Medien und in vielen Köpfen haben sich neue Klischees festgesetzt. Wer Türke ist und gegen den Putsch demonstriert hat, wird zum Erdogan-Fan erklärt, wenn nicht gar als Diktatur-Unterstützer diffamiert. Wer dagegen die Kölner Demo mied, könnte ein „Gülenist“ sein, Anhänger einer geheimlogenartigen muslimischen Sekte. Und überhaupt sind ja fast alle Türken als Muslime dauerhaft einer systematischen Türkisierungs- und Islamisierungsgehirnwäsche ausgesetzt, durch die aus der Türkei entsandten Imame in den Ditib-Moscheen.

Türken fahren als Migranten gerne zweigleisig - das ist die Realität

Nun fragen wir uns, wie das passieren konnte, nach mehr als 50 Jahren Zusammenleben. Obwohl doch Großes getan wurde, um den früheren Gastarbeitern und ihren Nachkommen nach missratenen Anfängen doch noch Aufenthaltssicherheit, sozialen Aufstieg, gar die doppelte Staatsbürgerschaft zu ermöglichen. Richtig wäre es, Fragen zu stellen, doch wir tun das ja gar nicht. Wir fällen lieber sofort ein Urteil, brandmarken sie als „Pegida-Türken“, blaffen sie öffentlich an, dass „unser Präsident Gauck heißt, nicht Erdogan“ (Jens Spahn, CDU). Kurz gesagt: Wer als Deutschtürke Erdogans Politik nicht in Bausch und Bogen verdammt, der muss gegen Deutschland sein. Ach wirklich? Viele mögen ja die Nase rümpfen über solches Verhalten, aber bei diesem Fazit schwingt mehr mit, nämlich demonstrative Geringschätzung. Das hält keine Beziehung aus.

Doch, wie kommen wir – die Deutschtürken eingeschlossen – aus dieser misslichen Beziehungskrise wieder raus? Ziemlich einfach. Akzeptieren wir die Realität: Türken fahren als Migranten gerne zweigleisig, teilen ihre Loyalität, wie übrigens viele Einwanderer; auch Deutsche in den USA. Falls sie es dabei übertreiben, etwa durch aktuelle Boykottaufrufe, werden sie zur Verantwortung gezogen, aber nicht weil sie türkische Wurzeln haben. Und es fiele uns auch kein Zacken aus der deutschen Wertekrone, wenn der Bundespräsident öffentlich bekennen würde: „Deutschtürken gehören zu Deutschland.“ Denn das ist einfach so.

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