Hamas : Die Handys bleiben aus

Noch eine Intifada oder eine Wiederbelebung der Waffenruhe? Bei den Hamas-Islamisten ist man sich uneinig. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas strebt seinerseits einen anhaltenden Waffenstillstand an. Die Hamas-Führung ist abgetaucht - und der weitere Kurs der Organisation ist unklar.

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]
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Foto: AFP

Die Hamas-Führung hat sich, genau wie vor zweieinhalb Jahren diejenige der libanesischen Hisbollah, in der Entschlossenheit der israelischen Politiker und der Feuerkraft von deren Luftwaffe geirrt. Hisbollah-Generalsekretär Scheich Nasrallah, seither im Versteck lebend, hat eingestanden, dass er den letzten Libanonkrieg nicht provoziert hätte, wenn er die verheerenden Zerstörungen durch die israelische Luftwaffe geahnt hätte. Möglich, dass nun die in den Untergrund abgetauchte Hamas-Führung genauso denkt.

Doch niemand weiß genau, was Hamas-Regierungschef Ismail Hanija und seine Leute wirklich denken, wie die Mehrheitsverhältnisse in der Hamas-Führung aussehen. Aus zwei Gründen: Noch vor dem israelischen Überraschungsschlag sind sie alle abgetaucht und haben sich seither weder in der Öffentlichkeit gezeigt noch offiziell geäußert. Und es klappt nicht mit der internen Kommunikation, wie ein Hamas-Sprecher am Dienstag zugab. Alle Hamas-Anführer haben ihre Mobiltelefone abgestellt – aus Furcht, sie könnten auf diesem Wege von den Israelis in ihren Verstecken aufgespürt und liquidiert werden.

Hamas-Sprecher meldeten auch mehrere Waffenstillstandsangebote, ohne aber deren Absender zu nennen. Man werde die Vorschläge prüfen, doch erfordere dies einige Zeit. Klar ist, dass der „gemäßigte“ Flügel, der schon vergeblich für eine Verlängerung der Waffenruhe eingetreten war, nun auf deren Wiederbelebung drängt. Unklar ist allerdings, wie Hanija das Ende der Kampfhandlungen sieht und ob er tatsächlich, wie vor Kriegsausbruch angekündigt, ohne Rücksicht auf Verluste weiterkämpfen will.

Wenn Hamas-Generalsekretär Khaled Mashaal aus seinem Exil in Damaskus die Palästinenser zur dritten Intifada aufruft, dann verkennt er nicht nur die katastrophale Lage der Hamas im umkämpften Gazastreifen, sondern ignoriert auch den entschlossenen Widerstand, den die Fatah im Westjordanland seiner Idee entgegenbringt. Zwar hat Chefunterhändler Ahmed Kurei erklärt, dass die Verhandlungen mit Israel selbstverständlich während des Gazakrieges eingestellt seien. Doch es kann kein Zweifel bestehen, dass Abbas und seine Leute schnellstmöglich einen eigenen Staat Palästina anstreben, der nur auf dem Weg der Verhandlungen und keinesfalls mit einer neuen Intifada erreicht werden kann.

In den Städten und Dörfern der Westbank demonstrierten zwar seit Samstag täglich Tausende gegen die israelische Militäraktion – und keineswegs nur Hamas-Anhänger. Vielfach ist auch Angst um Angehörige im Gazastreifen ein Motiv für die Demonstrationen. Dort wo die israelische Armee präsent ist – oder im annektierten Ostjerusalem die Polizei –, kam es zu Zusammenstößen und zu insgesamt rund 100 Festnahmen. Doch auch die palästinensische Polizei bemüht sich recht erfolgreich, die Lage zu kontrollieren und vor allem zu verhindern, dass die von ihr bisher noch nicht verhafteten Hamas-Aktivisten die Massen gegen Abbas aufwiegeln.

Folglich kam es in den letzten Tagen vor allem zu Gewaltakten Einzelner gegen israelische Truppen. Am Montag missglückten zwei Messerattacken auf israelische Soldaten, am Dienstag ein weiterer Anschlag bei Jenin. Bei Calandia nördlich von Jerusalem schossen Soldaten bei Zusammenstößen auf einen jungen Palästinenser, der einen Molotowcocktail warf.

Palästinenserpräsident Abbas und seine Leute verurteilten natürlich die israelische Militäraktion und forderten immer wieder die sofortige Beendigung des Blutvergießens. Doch Abbas hat mehrfach keine Zweifel aufkommen lassen, dass er die Hamas mit ihrem massiven Raketenbeschuss Israels als Auslöser des Krieges betrachtet. Abbas strebt einen anhaltenden Waffenstillstand an, der es ihm erlauben würde, zumindest wieder im Gazastreifen Fuß zu fassen, wenn nicht gar seine Herrschaft auf dieses Gebiet auszudehnen.

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