Politik : Hamas und Fatah vor Bürgerkrieg

Eskalation des Streits über Sicherheitskräfte

Charles A. Landsmann

Tel Aviv - Die Palästinensergebiete stehen kurz vor einem Bürgerkrieg. Hamas und Fatah rufen zur Ermordung der jeweiligen Anführer auf, Hamas-Premier Ismail Hanija hat keine Kontrolle mehr über seine Sicherheitskräfte. Beobachter fürchten, dass ein mögliches Treffen zwischen Präsident Mahmud Abbas (Fatah) und dem in Damaskus lebenden Hamas- Politbürochef, Khaled Maschaal, zu spät kommt, um die Lage in Westjordanland und Gazastreifen zu beruhigen.

Am Sonntag hatte die Massendemonstration der Fatah und ihres Anführers im Gazastreifen, Mohammed Dahlan, gezeigt, dass diese der radikalislamischen Hamas die Macht nicht kampflos überlassen will. Jetzt drohen sechs mit Hamas verbündete bewaffnete Gruppen mit gewaltsamem Widerstand gegen die von Fatah geforderte Auflösung der „Exekutiv“- Streitkräfte. Präsident Abbas hatte die dem Hamas-Innenminister Siad Siam unterstellte Truppe am Wochenende für illegal erklärt. Hamas aber will die Miliz nicht nur auf 12 000 Mann verdoppeln, sondern zahlt ihr auch einen vierfach höheren Sold als den von Fatah beherrschten Sicherheitsorganen, die seit Monaten auf ihr Geld warten. In einer Erklärung der sechs Gruppen drohen diese Abbas und Dahlan persönlich. Aus dem israelischen Haftlager Ofer meldete sich daraufhin einer ihrer Anführer, Nabil Abu Bekta, und rief zum Mord an Siam auf.

Obwohl es in der Sechser-Erklärung heißt: „Wir werden es Verrätern nicht erlauben, uns in einen Bürgerkrieg zu ziehen“, bestätigte ein hoher Hamas-Aktivist Radio Monte Carlo, dass sich tausende Aktivisten im Westjordanland geheimen Waffentrainings unterziehen. Ein hoher Kommandant im Sicherheitsapparat sagte, aus Iran und Syrien geschmuggelte Waffen seien bereits gegen Fatah eingesetzt worden. Die Fatah wiederum setzt nun ihre Drohung in die Tat um, auf jede Hamas-Attacke im Gazastreifen mit Racheakten im Westjordanland zu reagieren. Der Menschenrechtler und unabhängige Abgeordnete Mustafa Barghuthi spricht von „Anarchie als Folge des Machtkampfes“ zwischen Fatah und Hamas. Hamas ist nach Ansicht von Experten zudem nicht bereit, in der von Abbas angeordneten vorgezogenen Parlamentswahl ihre 2006 gewonnene Mehrheit zu riskieren.

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