Politik : Handstreich ohne Proviant

ELKE WINDISCH

MOSKAU . "Mein Padischah! Wenn man durch eine Tür hineingeht, muß man genau wissen, daß man durch sie auch wieder herauskommt." Mit diesen Worten warnte vor mehr als 450 Jahren der osmanische Großwesir Ibrahim Sultan Süleyman I. vor dem Abenteuer in Ungarn, das für die Türken militärisch nicht dauerhaft zu halten war. In eben dieser Situation befinden sich jetzt auch die Truppen von Zar Boris, die ein Befehl bislang nicht geklärten Ursprungs am Freitag 500 km quer durch Serbien Richtung Kosovo in Marsch setzte. Zwar kontrollieren die Russen, die zuvor als Teil der internationalen Friedensmission in Bosnien standen, seit der Nacht- und Nebelaktion den strategisch wichtigen Flughafen Zlatina nahe Pristina. Der praktische Nutzen des Handstreichs tendiert momentan jedoch eher gegen Null.

Zwar warten in zentralrussischen Fliegerhorsten rund 7000 Mann auf den Abflug Richtung Süden. Vor allem Fallschirmspringer der Elitedivisionen aus Tula, Iwanowo, Pskow und Rjasan, die schon mehrfach zu Blauhelmeinsätzen in den zahllosen Krisenherden der ehemaligen Sowjetunion in Marsch gesetzt wurden. Doch Ungarn, Rumänien und Bulgarien verweigern Moskau bislang die Überflugrechte. Allein auf sich gestellt aber fällt es der gegenwärtig knapp zweihundert Mann starken russischen Vorhut zunehmend schwer, russische Interessen zu verteidigen, wie Mutter Heimat es von ihnen erwartet.

"Geb Gott, daß die Albaner nicht durchdrehen", barmte einer der Militärs schon am Sonntag ganz unmilitärisch vor russischen Fernsehkameras. Aus gutem Grunde: Einheiten der UCK, die sich bislang hartnäckig weigert, die Waffen abzugeben, haben eine strategisch wichtige Höhe in nur vier Kilometer Entfernung vom Rollfeld besetzt. Und die Russen immerhin von Anfang an wissen lassen, daß sie für deren Sicherheit nicht garantieren können. Gestern trat der Ernstfall ein: Gut zwei Stunden lang lag der Flughafen unter intensivem albanischen Granatwerferbeschuß. Tote und Verletzte gab es glücklicherweise nicht. Womöglich auch deshalb nicht, weil die Briten, die seit Sonntag erfolglos um die gemeinsame Nutzung des Flughafens kämpfen, ihren russischen Kameraden Feuerschutz gewährten.

Der Überfall, so ein Leutnant gegenüber einem russischen Fernsehteam, sei wahrscheinlich keine Einzelaktion. Rußlands Blauhelme aber haben strikte Auflage, sich nicht einzumischen. Dadurch kippt die Stimmung allmählich. Die Serben, die den Russen, beim Einmarsch Blumen zuwarfen, hatten von ihren slawischen Stammes- und Glaubensbrüdern eindeutig mehr erwartet.

Dazu kommen ganz profane Versorgungsprobleme: In der Eile des Abmarsches bekamen Rußlands Soldaten nur eine eiserne Notreserve mit. Die aber ist inzwischen aufgebraucht, weshalb gestern ein Nachschub-Konvoi mit Lebensmitteln und Trinkwasser aus Bosnien in Marsch gesetzt wurde. Hoffentlich, so bangen die Kämpfer, haben die Kameraden auch Zigaretten geladen. Die müssen sie sich momentan nämlich bei Fernsehteams, und wenn es ganz schlimm kommt, bei den Briten schnorren.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben